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13 Dez 2011 Kinderhandel und Ausbeutung Afghanistan

Afghanistan: An jeder Ecke lauern Gefahren für Strassenkinder

- Herausgegeben von Darcissac, Marion

2903_working-children_07387_web_embed Tausende Kinder irren durch die dunklen, staubigen Strassen Afghanistans, um zu arbeiten und etwas Geld zu verdienen, das ihre Familien so dringend zum Überleben brauchen. Das Antreffen von ärmlich gekleideten, manchmal erst dreijährigen Kinder in der Umgebung von Militärstützpunkten und Einkaufsgebieten ist ganz alltäglich, wo sie in der sengenden Sommersonne oder eisigen Winterkälte ihren Geschäften nachgehen.

Viele von ihnen verkaufen allerlei Dinge wie Kaugummi, Zeitschriften oder sogar Souvenirs der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF). Andere putzen Schuhe, waschen Autos oder verteilen Glück mit verbrannten Kräuter aus einer Dose, dem sogenannten Espand.
Die Armut und Unsicherheit im Land zwingen immer mehr afghanische Kinder auf der Strasse zu arbeiten und zu betteln. Die wachsende Anzahl Strassenkinder, die von der UNO allein in Kabul auf 50’000 geschätzt werden, führt zu einer Erhöhung von Fällen wo Kinder Gewalt erleiden.

Sexuelle Übergriffe: eine der grössten Gefahren der Arbeit auf der Strasse

Mohammad Yousif ist Direktor der NGO Aschiana, der Partnerorganisation von Terre des hommes in Afghanistan. Durch das von Tdh geleitete Konsortium für Kinderrechte bieten verschiedene Organisationen Dienstleistungen, Unterstützung und Projekte für benachteiligte Kinder. Yousif erklärt, dass seine Organisation eine bedeutende Zunahme von auf der Strasse arbeitenden Kindern beobachte, die Opfer sexueller Übergriffe würden.

Ihm zufolge gebe es dazu in Afghanistan nur selten nationale Umfragen und dokumentierte Fälle, da Vergewaltigung und sexueller Missbrauch ein kulturelles Tabu seien. Für Yousif ist diese eindeutige Zunahme der Fälle äusserst besorgniserregend.

«Die Familien wollen viele Fälle nicht publik machen oder damit an die Medien gelangen», beklagt Yousif. «Es ist nicht einfach zu wissen, wie viele Fälle es gibt, doch kommen Übergriffe auf Kinder häufig vor, die weder von der Familie noch von der Regierung Schutz erhalten, .»

Yousif erklärt, dass die Anzahl Strassenkinder von 38’000 im Jahr 2003 auf über 60’000 angestiegen sei. Dies soll mit dem massiven Zustrom von Flüchtlingen aus Iran und Pakistan zusammenhängen: Die Dürre und die unsichere Lage haben zahlreiche Familien gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. In vielen Fällen müssen die Kinder die Last tragen und für den Unterhalt der Familie aufzukommen.

Dies trifft auch auf einen 12-jährigen Jungen aus Kandahar (Afghanistan) zu, der seinen Vornamen nicht nennen wollte. Wegen der grossen finanziellen Probleme seiner Familie musste er die Schule abbrechen und auf die Strasse arbeiten gehen. Er erzählt, er sei wie viele andere Strassenkinder sexuell missbraucht worden. Er sei von zwei Polizisten am Strassenrand angehalten worden. Plötzlich hätten sie ihn des Diebstahls von 20’000 Afghani (CHF 380.-) beschuldigt, ihn in ihren Wagen geworfen und seien davon gefahren. «Anstatt zum Polizeiposten zu fahren, bog der Fahrer in eine andere Strasse ein, wo bereits der Polizeikommandant wartete», erzählt der Junge. «Er erklärte mir, dass ich kein Geld gestohlen habe, sondern hierher gebracht wurde, um vergewaltigt zu werden. Sie stiessen mich in ein Zimmer. Ich sagte ihnen, dass ihre Taten eines Muslims unwürdig seien.» Der Junge berichtet, er sei nacheinander von drei Männern vergewaltigt und dann blutend und weinend am Strassenrand abgesetzt worden.

Die grassierende Armut als Grund für die Ausbeutung von Kindern

2905_fghanistan_idp-camp_5__web_embed Die Kinder sind die grössten Opfer der in Afghanistan herrschenden Armut. Aufgrund des seit 30 Jahren herrschenden Krieges, haben viele Kinder keinen Vater mehr oder dieser ist wegen schwerer Verletzungen arbeitsunfähig. Kulturelle Zwänge hindern die Mütter an einer Arbeit ausser Haus, weshalb sie kein Geld verdienen können.

In Amins Fall wurde sein Vater getötet, als er noch ein Kleinkind war. Obwohl er bei Verwandten Zuflucht fand, erklärt er, dass er, um zu überleben, habe arbeiten müssen: «Ich konnte nicht zur Schule gehen, weil ich ein Waisenkind bin. Seit mein Vater von den Taliban getötet worden ist, arbeite ich jeden Tag, um etwas zu essen zu haben.»

Laut UNICEF arbeiten in Afghanistan mehr als 30% der Kinder im Schulalter auf der Strasse, oft als einzige Verdiener ihrer Familie. Das bedeutet, dass 3 Millionen Kinder keine Bildung erhalten. Etwas weniger arme Kinder wie der 8-jährige Hasib gehen vormittags zur Schule und arbeiten jeden Nachmittag. «Morgens stehe ich früh auf, um zur Schule zu gehen. Den halben Tag verbringe ich in der Schule, den Rest auf der Strasse, wo ich Tee verkaufe. Zu Hause haben wir kein Geld. Meinen Verdienst brauche ich, um Essen zu kaufen.»

Bildung als einzige Lösung für diese Kinder

2904_rina_rothenberger_4511_web_embed Die internationale Gemeinschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten Milliarden von Dollar für den Wiederaufbau des Landes und die Verbesserung der Lebensbedingungen ausgegeben. Doch laut Nader Naderi, Kommissar der Unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission, kam dieses Geld nicht den Kindern des Landes zugute: «Die Kinder profitierten nicht von der Entwicklung und den Verbesserungen, in deren Genuss andere Afghanen kamen. Viele Kinder erhalten immer noch keine Grundausbildung und werden in Kampfhandlungen getötet. Die Zukunftsvision für die Kinder Afghanistans ist eine Mischung aus Hoffnung und Angst.»

Yousifs Ansicht nach müssen die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft mehr in die Bildung investieren – wovon er eine Verringerung der Anzahl Strassenkinder erhofft. «Die Kinder sollten Zugang zu Erziehung und Berufsausbildungen erhalten. Dank ihrer Fähigkeiten und der Schule wird ihr Leben in Zukunft sicherer sein. Und niemand wird sie mehr missbrauchen können», meint Yousif abschliessend.

Frud Bezhan, für RFE/RL’s Radio Free Afghanistan

Das Konsortium für Kinderrechte (CRC) ist ein Programm, an dem drei NGOs beteiligt sind: Aschiana, LKRO und Terre des hommes. Unter der Leitung von Terre des hommes und mit der Finanzierung der Europäischen Union ist das CRC seit 2003 in Afghanistan tätig. Sein Ziel ist die Verbesserung der Lebensbedingungen von auf der Strasse lebenden und arbeitenden Kindern und ihrer Familien in Afghanistan. Das CRC führt zudem Advocacy-Aktionen durch, um die Kinderrechte gemäss dem Internationalen Übereinkommen über die Rechte des Kindes der UNO zu verteidigen, welches 1994 von Afghanistan ratifiziert wurde.