Afghanistan: Mit 57 Jahren 50'000 Kinder zur Welt gebracht
- Herausgegeben von Darcissac, Marion
Hebamme Naseema Qochi ist leicht erkennbar, wenn sie durch die spartanisch eingerichtete Klinik geht, die neben einem Rosengarten im staubigen Strassengewirr von Qlia Bakhtyar liegt. Ein Gesundheitshelfer, der gerade einen kleinen Jungen untersucht, grüsst sie freundlich mit «Salaam alaikum». Qochi hat drei Generationen Frauen bei der Entbindung geholfen. «Naseema ist der Doktor», sagt eine andere Hebamme, um deren wichtige Rolle und den Respekt, den sie einflösst, zu beschreiben.
Hausbesuche bei Frauen trotz der Not in den Familien
In dieser verarmten, konservativen Gegend sehen es Familien ungern, dass Frauen ihre Kinder in einer Gesundheitseinrichtung zur Welt bringen, wo Geburtskomplikationen von Fachpersonal bewältigt und Leben gerettet werden können. Eine Realität, mit der die erfahrene Hebamme täglich konfrontiert wird. «Ich ermutige sie, in die Klinik zu kommen. Ich spreche mit den Ehemännern, erzähle ihnen von den Risiken einer Schwangerschaft… aber sie weigern sich», erklärt Naseema, die einer von Jhpiego unterstützten, afghanischen Hebammenvereinigung angehört. «Einmal fiel eine Frau vom Dach. Selbst in diesem Fall wurde sie nicht in eine Klinik gebracht.»
Deshalb besucht Naseema die Frauen zu Hause. Sie gibt ihnen Ernährungsratschläge, informiert sie über gefährliche Anzeichen während der Schwangerschaft, die Säuglingspflege und das Stillen, und bietet ihnen eine professionelle vorgeburtliche Betreuung. Naseema und ihre Kollegin Golghotia Mosleh kommen mit ihrem Hebammenkoffer in ein Haus. Er enthält das notwendige Material: Blutdruckmesser, Eisenpräparate zur Vorbeugung gegen Blutarmut, Spritzen, Schere, Klammern, Chlor, Faden, Notfallmedikamente und vieles mehr. Die Hebammen arbeiten für die Delegation von Terre des hommes, die sich insbesondere für die Gesundheit von Mutter und Kind in Afghanistan einsetzt.
Überzeugungsarbeit, damit sich die Familien um Frauen und Kinder kümmern
An diesem Herbstmorgen besuchen Naseema und Golghotia eine verheiratete Jugendliche, die mit ihrer Mutter, ihrem jüngeren Bruder und dem Ehemann in einem freien Zimmer bei Nachbarn wohnt. Das Mädchen ist im siebten Monat und erhält heute zum dritten Mal Besuch von Naseema. Die Hebammen untersuchen die Schwangere, erklären aber auch der Mutter, was zu tun ist, sollte das Baby zu früh zur Welt kommen oder die werdende Mutter nicht schnell genug ein Gesundheitszentrum aufsuchen können.
Naseema entfaltet sorgfältig eine graue Plastikfolie, die sie auf dem Teppich ausbreitet. Sie bindet sich einen sauberen weissen Schal um den Kopf und bittet um eine Schale Wasser. Naseema zeigt der Mutter, wie sie sich die Hände richtig wäscht, indem sie sich auch zwischen den Fingern und bis zu den Ellbogen hinauf einseift. Dann öffnet sie ihre schwarze Ledertasche und nimmt verschiedene Dinge heraus: eine Babypuppe und eine kleine Schachtel, deren Überzug an einen zerschlissenen Vorhang erinnert. Naseemas Lektion, die eine Geburt im Detail simuliert, richtet sich an die Mutter des Mädchens und zeigt das Durchschneiden der Nabelschnur, die Pflege des Neugeborenen und die Nachgeburt.
«Wenn es Schwierigkeiten gibt, keine Hebamme zur Stelle ist oder das Baby mitten in der Nacht zur Welt kommt, müssen Sie wissen, was zu tun ist», erklärt sie der Mutter, die einen tiefen Seufzer macht.
Im Bezirk, den sie abdeckt, kann es vorkommen, dass 500 schwangere Frauen und junge Mütter auf Naseemas Liste stehen. Frauen, die eine Steissgeburt oder Komplikationen erwarten müssen, bezahlt Naseema ein Auto, das sie zur Entbindung ins nächstgelegene Spital fährt. Nach der Geburt besucht Naseema Mutter und Kind zu Hause, um sie zu untersuchen.
Die Hauptsache: in einem Spital mit qualifiziertem Personal gebären
Mit 57 ist Naseema seit fast 30 Jahren Hebamme. In dieser Zeit hat sie, wie sie selbst sagt, 50’000 Babys zur Welt gebracht. In diesen drei Jahrzehnten haben sich immer mehr Frauen für eine Entbindung im Spital oder in einer Klinik entschieden, ein Wandel, den sie auf die Erziehung und das Ende des strengen religiösen Regimes der Taliban zurückführt. Ein wichtiger Wandel, damit Frauen am Leben bleiben: Es gilt nämlich als erwiesen, dass eine qualifizierte Gesundheitsversorgung einer der besten Wege ist, um die Müttersterblichkeit zu senken.
«Früher hatte ich 60 Geburten im Monat. Heute mache ich 20 Hausgeburten. Das ist ein grosser Unterschied», erklärt Naseema. «Es kam vor, dass ich vier Tage lang nicht schlief. Ich wusste nicht mehr, wann Tag und wann Nacht war. Heute bin ich freier und habe mehr Zeit.»
Dennoch besteht die Mutter das schwangeren Mädchens darauf, dass sie Naseema rufen werde, wenn ihr Enkelkind zur Geburt bereit ist. Naseema lächelt, denn sie weiss, was sie dann sagen wird: «Ich werde sie ermutigen, zur Entbindung ins Spital zu gehen. Das ist meine Pflicht.»
Weitere News
-
Wo Not normal ist: Samuel Erny, Vizechef von Tdh Bangladesch, im Radiointerview
-
Guinea: Der Staat lanciert einen Hygienewettbewerb in Behandlungszentren
-
Afghanistan: Traditionen folgen, um die Wasserversorgung sicherzustellen
-
ERNÄHRUNGSKRISE IN DER SAHELZONE – Die Aktionen von Terre des hommes
-
Gaza: Tdh übergibt das Gesundheits- und Ernährungsprojekt für Kinder an lokalen Partner
Gesundheit
Kinder haben das Recht auf Gesundheit
Terre des hommes (Tdh) ermöglicht hunderttausenden Kindern und Müttern, ihr Recht auf Betreuung, Ernährung und Hygiene nachhaltig wahrzunehmen.

Hauptsitz
Terre des hommes