Afghanistan: Traditionen folgen, um die Wasserversorgung sicherzustellen
25 Apr 2012 Wasser, Abwasserreinigung und HygieneAfghanistanIn den Berggebieten Afghanistans ist der Zugang zu Wasser sowohl in technischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht geradezu unmöglich. Ein traditionelles System trotzt diesen widrigen Bedingungen aber seit mehreren Jahrhunderten: «Yakhdans», in denen Schnee in Trinkwasser umgewandelt wird. Im Laufe der Zeit nehmen diese «Schneebrunnen» aber Schaden und liefern immer stärker verunreinigtes Wasser. Terre des hommes setzt sich nun für ihre Instandsetzung ein, um Hunderten von Familien eine korrekte Wasserversorgung zu bieten.
Googelt man das Wort «Yakhdan» im Internet, tauchen nur gleichnamige Ortschaften auf, aber keine Definition. In Iran und Afghanistan gibt es nämlich zahlreiche Bergdörfer mit dem Namen Yakhdan. Damit wird aber auch ein traditionelles Auffangsystem für Schnee bezeichnet: ein an Steilhängen von den Dorfbewohnern tief in die Erde gegrabenes Loch. Der Schnee wird in diesem Loch zusammengepresst, schmilzt und fliesst in ein unterirdisches Becken ab, wo die Familien das Wasser schöpfen. Dieses traditionelle, möglicherweise mehr als 2000 Jahre alte System ist in äusserst trockenen Gegenden, wo es kein oder nur wenig Grundwasser gibt, oft die einzige verfügbare Wasserquelle.
Im Laufe der Jahre hat sich der Zustand dieser Yakhdans aber stark verschlechtert: Die Isolation nimmt Schaden, Wände stürzen ein und aufgrund des Klimawandels gibt es auch weniger Schnee. Die Lebensdauer eines Yakhdans sollte maximal 5 bis 10 Jahre betragen, und es sind unbedingt jährliche Unterhaltsarbeiten notwendig, um die von Regen, Wind und Schnee angegriffenen Wände instand zu halten. Um sauberes Wasser zu garantieren und Verschmutzungen zu begrenzen, sollte es durch einen Sandfilter fliessen und zur Lagerung in ein Reservoir geleitet werden.
Terre des hommes ist bereits seit einigen Jahren in den Berggebieten von Rustaq, Afghanistan, tätig und hat nun beschlossen, diese Wasserversorgungssysteme zu renovieren statt neue anzulegen, die sehr kostspielig wären und von der Lokalbevölkerung vielleicht abgelehnt würden. Wände, Leitungen und Filter werden instand gesetzt und verstärkt, damit genügend Schmelzwasser gelagert werden kann, das Wasser sauber ist und möglichst lange in ausreichender Menge und Qualität vorhanden bleibt.
Das technische Team von Tdh hat ein integriertes Renovierungssystem für bestehende Yakhdans entwickelt: Die Innenwände der Auffangbecken werden mit Stahlbeton oder Ziegeln bzw. einer Kombination der beiden Baustoffe ausgebessert und befestigt. Die Böden der Yakhdans werden durch eine 30 cm dicke Stahlbetonschicht verstärkt, die zum Filter hin abfällt. Zudem wird am Boden ein Sandfiltersystem eingerichtet, das über ein Rohr mit dem Wassersammelbecken verbunden ist. Der aufgefangene Schnee wird zudem mit «Tarpol» abgedeckt, einer vor Ort erhältlichen Plastikblache, um das Schmelzen zu verlangsamen und das Eindringen von Regenwasser und Schmutz zu begrenzen (Verschmutzungsgefahr).
Bis heute wurden 18 Yakhdans instand gesetzt; das Tdh-Team und die Dorfbewohner sind nun dabei, weitere 6 zu renovieren. Mit 16 Yakhdans können bereits die Grundbedürfnisse der Bevölkerung (Trinkwasser, Essen, Hygiene) gedeckt werden. Die produzierte Wassermenge ist beträchtlich grösser als vor dem Eingriff: In einigen Fällen stieg die tägliche Produktion von 100 auf 400 Liter. Auch die Qualität des Wassers wurde verbessert und Verunreinigungen konnten stark reduziert werden.
Diese ermutigenden Ergebnisse zeigen, dass die Instandsetzung traditioneller Wasserquellen technisch und sozial machbar ist. Die betroffenen Gemeinschaften haben diese Idee sehr gut aufgenommen und sich an der Verbesserung ihrer Wasserversorgung beteiligt. Es wurden auch Arbeitskräfte ausgebildet, um den jährlichen Unterhalt der Yakhdans sicherzustellen.

