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Die soziale Harmonie wieder herstellen

18 Sep 2009 JugendstrafrechtPeru

Im Vorfeld des 1. Weltkongresses, welcher von Terre des hommes in Peru organisiert wird, teilt Bernard Boëton der bei Tdh verantwortlich für Kinderrechte und ein Spezialist auf dem Gebiet des Jugendstrafrechts ist, seine Erfahrung mit. In sieben verschiedenen Ländern setzt sich Tdh dafür ein, dass junge Delinquenten nicht mehr ins Gefängnis müssen, sondern eine alternative, erzieherische Strafe erhalten. “Es ist eine Illusion zu glauben, dass man die Kriminalität besiegt indem man mehr Kinder in die Gefängnisse steckt. Man weiss sehr genau, dass Gefängnisse Schulen des Verbrechens sind” behauptet Bernard Boëton im Interview.

“Für Jugendliche ist das Gefängnis eine Schule des Verbrechens”
Bernard Boëton ist seit 30 Jahren bei Tdh verantwortlich für Kinderrechte und ein Spezialist auf dem Gebiet des Jugendstrafrechts. Interview im Vorfeld des 1. Weltkongresses in Peru, welcher von Tdh organisiert wird.
Führt Sie Ihre Arbeit auch direkt vor Ort, in die Projektländer?
Ja, regelmässig. Sei dies, um Situationen zu evaluieren oder um Akteure des Jugendstrafvollzugs auszubilden – Richter, Polizisten, Gefängnisbeamte, Sozialarbeiter oder Anwälte. Dies immer mit dem Ziel, generell und global für erzieherische Strafen, als Alternative zu Haftstrafen für Minderjährige zu werben. Wir sind davon überzeugt, dass der Freiheitsentzug, sprich Gefängnis, nur in Ausnahmefällen und wenn, dann möglichst kurz angewendet werden sollte. Die grosse Mehrheit der von Minderjährigen verübten Straftaten betreffen Diebstähle oder erstmalig ausgeführte Delikte. Diese sollten möglichst systematisch durch eine sozial-erzieherische Massnahme geahndet werden.
Was verstehen Sie unter sozial-erzieherischen Massnahmen?
Das kann bereits auf dem Polizeiposten passieren und hängt von der Schwere des Delikts ab. Ein Gespräch zwischen Opfer und Täter, eine Tätigkeit von allgemeinem Interesse, eine Probezeit zurück bei den Eltern kontrolliert durch Sozialarbeiter, alles abhängig vom konkreten Fall. Es gibt rund ein Dutzend Lösungen je nach Land und Gesetzen, die zwar Strafen aber keinesfalls Inhaftierung vorsehen.
Geht es dabei nicht um eine Verniedlichung der Probleme der Jugendkriminalität?
Es besteht zweifelsfrei ein klarer Zusammenhang zwischen erhöhter Jugendkriminalität durch repressive Strafen, zusätzlich gefördert durch das niedrige Alter, bei dem schon die strafrechtliche Verantwortung ansetzt. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man die Kriminalität besiegt indem man mehr Kinder in die Gefängnisse steckt. Man weiss sehr genau, dass Gefängnisse Schulen des Verbrechens sind.
Wie soll denn eine Haftstrafe jemanden für die Freiheit danach erziehen? Natürlich muss man die Täter bestrafen; statt Haftstrafen benötigt man alternative und erzieherische Massnahmen.
Was genau ist der Weltkongress zum Thema der restaurativen Jugendgerichtsbarkeit?
Es ist der erste Weltkongress, der nur diese bestimmte Form der Jugendgerichtsbarkeit behandeln wird. Anders gesagt: Diejenigen, die die traditionelle, strikt repressive Jugendjustiz befürworten, werden nicht zu Wort kommen. Wir setzen uns an diesem Kongress für unser Engagement im Hinblick auf eine Form der Jugendjustiz ein, die aus unserer Sicht die einzig realistische ist.
Wir sprechen von “restaurativer” Gerichtsbarkeit im Gegensatz zur “vergeltenden” Justiz, die Strafe im Auge hat. Wir betrachten das Delikt als Bruch der sozialen Harmonie. Es geht also darum, diese Harmonie wieder herzustellen und den Minderjährigen wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Es sind sicher nicht die Anzahl Jahre im Gefängnis, die ihm dabei helfen werden.
Achtung: Es geht hier keinesfalls um eine Art “humanitäre Justiz”. Es wird niemand bevorzugt. Die restaurative Jugendgerichtsbarkeit beruht auf internationalen Gesetzen, welche wir anwenden wollen.
Welches sind die grössten Hindernisse bei der Anwendung dieser Form der Gerichtsbarkeit vor Ort?
Die erste grosse Schwierigkeit ist die öffentliche Wahrnehmung. Sind Kinder die Opfer, sind sich alle darin einig, was zu tun ist. Sind sie jedoch die Täter, wird es kompliziert. Noch immer verlangt die Mehrheit Repressionen. Das ist jedoch keine Lösung, denn es geht nicht darum, Minderjährige auszuschliessen sondern sie zu integrieren. Die Sozialverantwortlichen und Politiker folgen aus Angst vor mehr Kriminalität der öffentlichen Meinung. Sie haben den Eindruck, dass nur ein Gefängnis der Repression ein Gesicht gibt. Deshalb müssen wir mutige Kommissare, Minister oder Richter finden, um unser Konzept mit unseren Partnern vor Ort umsetzen zu können.
In wie vielen Ländern ist Terre des hommes im Jugendstrafrecht aktiv?
Von unseren 30 Projektländern, haben 8 ein solches Programm integriert. Dabei haben einerseits die Kontakte eine Rolle gespielt, welche unsere Delegierten mit den Regierungen unterhalten – insbesondere den Justiz- und den Sozialbehörden – aber andererseits auch die Kenntnisse vor Ort.
Welches Land hätte dieses Programm heute besonders nötig?
Ganz klar: Afghanistan. Wir sind übrigens daran, erste Schritte in Kabul einzuleiten, wo ich im April Ausbildungskurse gegeben habe. Es gibt Möglichkeiten in Kabul!
Doch noch ist es ein langer Weg, ob in Afghanistan oder anderswo. Wächst Ihnen die Aufgabe nicht manchmal über den Kopf?
Angesichts der Probleme auf der Welt ist man oft entmutigt. Doch wenn man vor Ort ist und genau hinsieht, realisiert man viele Fortschritte. Sie sind nicht rückgängig zu machen und es sind wirklich viele.

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