In Afghanistan behindert sein: Eine Frage der Tabu
28 Jun 2011 Fehlender familiärer UnterstützungAfghanistan
Bei Betrachtung der endlosen Liste der Probleme, mit denen Afghanistan zu kämpfen hat, scheint die Betreuung der Kinder mit Behinderungen für niemanden vorrangig zu sein. Die wenigen existierenden Einrichtungen decken nur einen winzigen Teil des Bedarfs und sind weitgehend auf ein paar Ballungsgebiete konzentriert. Folglich bleibt eine überwältigende Mehrheit der behinderten Kinder zu Hause eingesperrt, in der Obhut einer Mutter, der es zumeist an allem fehlt, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Nur sehr selten haben sie Zugang zu Erziehung, egal welcher Art und welchen Grades ihre Behinderung ist.
Das Konsortium von NGO für die Rechte des Kindes (CRC), das von Terre des hommes in Zusammenarbeit mit zwei afghanischen Organisationen, Aschiana und LKRO, geleitet wird, hat die Verbesserung der Leistungen für diese ausgegrenzte Gruppe zu einer Priorität gemacht. Die Intervention des CRC gliedert sich rund um zwei Achsen: Die erste ist der Zugang zu Behandlung, Erziehung und Ausbildung. Die zweite ist das Plädoyer auf Gemeinde- und Regierungsebene für die Anerkennung der Rechte der Kinder mit einer Behinderung.
Traditionell ist Behinderung in Afghanistan weitestgehend ein Tabu-Thema. Ein Kind mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung zu haben, gilt im Allgemeinen als eine Schande: “Auf die Familien wird ein starker sozialer Druck ausgeübt, damit sie ihr Kind so weit wie irgend möglich von der Öffentlichkeit fernhalten, erklärt Frau Leyluma, die als Sonderschullehrerin für Aschiana arbeitet. Die Nachbarn stellen Fragen und fällen ihr Urteil über die Eltern. Es kommt vor, dass behinderte Kinder sich nicht an die moralischen Regeln halten, etwas, das in Afghanistan nicht akzeptiert wird”.
Die Betreuung dieser Kinder wird bestenfalls als eine Frage der Nächstenliebe betrachtet und dem grossen Herzen edelmütiger Spender überlassen. Der Gedanke, dass das behinderte Kind ein menschliches Wesen mit Rechten ist, ist noch längst nicht im kollektiven Bewusstsein verankert. Hr. Zazai ist der Direktor von AOAD, (Accessibility Organization for Afghan Disabled), einer Organisation, die auf Bitten des CRC behinderten Kindern in der Region von Jalalabad im Osten des Landes Berufsausbildungen bietet. Wie er sagt, “weiss die afghanische Bevölkerung überhaupt nichts von den Rechten der Behinderten und der Tatsache, dass sie ebenbürtige Mitglieder der Gesellschaft sind. Die Regierung erarbeitet Gesetze und Aktionspläne, aber nichts wird konkret umgesetzt, um ihnen zu Hilfe zu kommen”.
Folglich ist ein beträchtliches Stück Arbeit zu leisten, damit die Denkweisen sich ändern. “Die Aktion auf Gemeindeebene ist ein wesentlicher Schritt, fährt Hr. Zazai fort. Wenn man sich die Zeit nimmt, die Rechte des behinderten Kindes zu erklären, ändert sich die Einstellung der Leute schnell.” Dann zählt er die folgenden Interventionsprioritäten auf: “Zur Beurteilung der Situation ist zuallererst eine umfassende Datensammlung auf nationaler Ebene erforderlich. Angesichts der ‚Sprachlosigkeit’, die in dieser Beziehung herrscht, muss das Ausmass des Bedarfs geschätzt werden. Als Nächstes ist ihr Zugang zu Erziehung und Berufsausbildungen zu verbessern, damit diese Kinder eines Tages selbstständige Erwachsene werden können. Hinsichtlich des Zugangs zu Behandlung gibt es ein paar Einrichtungen in Kabul, in den Provinzen hingegen muss bei Null angefangen werden”.
In Kabul betreut das Aschiana-Zentrum rund vierzig Kinder mit geistigen Behinderungen. “Aschiana war die erste und bleibt eine der wenigen afghanischen Organisationen, die sich um diese Kinder kümmern, erklärt Frau Leyluma. Zunächst haben wir uns an die Mullahs in der Umgebung gewandt; dank ihrer Unterstützung haben wir Familien mit behinderten Kindern identifizieren können. Jetzt holen die Fahrer von Aschiana die Kinder zu Hause ab und bringen sie ins Zentrum. Hier nehmen sie am Unterricht und an verschiedenen Freizeitaktivitäten teil, erhalten ein Mittagessen… und werden wieder nach Hause gebracht. Des Weiteren liegt es uns am Herzen, den Kindern die Grundregeln der Hygiene, das An- und Auskleiden beizubringen, dafür zu sorgen, dass sie in ihrem täglichen Leben so weit wie möglich unabhängig sind. Parallel hierzu arbeiten wir intensiv daran, die Familien mit der Grundversorgung ihrer behinderten Kinder vertraut zu machen”.
Dank eines ausgedehnten Netzes von Ansprechpartnern in den Dörfern (Mullahs und Wakils) und von Dienstleistern beginnt die Tätigkeit des CRC auf Gemeindeebene ihre Früchte zu tragen. In Torkham und Umgebung hat Terre des hommes in Zusammenarbeit mit AOAD eine Umfrage zur Beurteilung des Bedarfs an Betreuung von behinderten Kindern durchgeführt. Daraufhin hat die Organisation ein effizientes System zur Identifizierung der Kinder eingerichtet, die anschliessend auf die von Partnerorganisationen betriebenen, geeigneten Einrichtungen verteilt werden. Ausserdem machen 330 Kinder dank AOAD in Jalalabad eine Berufsausbildung bzw. haben diese bereits abgeschlossen.
Auch wenn diese Erfahrungen in Kabul und Jalalabad zu sehr positiven Ergebnissen geführt haben, sind sie nur ein Tropfen auf den heissen Stein und werfen ein Schlaglicht auf die verbleibende, auf nationaler Ebene zu leistende Arbeit. Bislang scheint die Regierung unfähig zu sein, ein effizientes Netz von Sozialdiensten zu schaffen. Trotz grossen Redeaufwands ist noch keine konkrete Strategie zur Integrierung der behinderten Kinder in das Schulsystem umgesetzt worden. Es ist höchste Zeit, dass sich die Situation ändert. Die Familien (zumeist die Mütter) haben in den meisten Fällen weder die Mittel noch die Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern; daher lassen sie diese in einem Winkel des Hauses dahinvegetieren, ohne Behandlung und ohne Zuwendung. Es ist noch ein langer Weg zurückzulegen, bis die kleinen Afghanen mit einer Behinderung als das betrachtet werden, was sie sind: Kleine Kinder, die das Recht haben zu lernen, anerkannt und behandelt und vor allem geliebt zu werden.
