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Internationaler Tag der Roma: Die Lage aus Sicht unserer Delegierten in Osteuropa
Internationaler Tag der Roma: Die Lage aus Sicht unserer Delegierten in Osteuropa
8 Apr 2012 Kinderhandel, Missbrauch und AusbeutungRumänien, Kosovo, Albanien, Moldawien
Die Roma stellen immer noch die grösste Minderheit in Europa dar. Sie werden in allen Ländern, in denen sie leben, auch in der Schweiz, Opfer von Diskriminierung. Selbst die wesentlichsten Grundrechte bleiben ihnen verwehrt. Da viele Kinder nicht eingeschult werden, sind sie zum Betteln auf der Strasse verdammt und laufen Gefahr, in die Fänge krimineller Netzwerke zu geraten. Viele Eltern migrieren mit oder ohne ihre Kinder. In Rumänien, zum Beispiel, werden diese sogenannten «zurückgebliebenen Kinder» amtlich erfasst und auf 350’000 geschätzt. Manchmal werden sie auch ausgesetzt oder in Aufnahmezentren platziert und so zum Ziel krimineller Netzwerke und des Sexgewerbes.
In Rumänien, Albanien, Kosovo und neu auch Moldawien unterstützt Terre des hommes Kinder ausgegrenzter Gemeinschaften, damit sie korrekt leben können, und interveniert bei den Regierungen für deren Anerkennung und Zukunft. Zudem werden Aktivitäten durchgeführt, um Roma-Gemeinschaften für die Rechte und Bedürfnisse ihrer Kinder zu sensibilisieren. Mit den Familien werden betreute Mikroprojekte entwickelt, und neben Nachhilfeunterricht gibt es auch psychosoziale Aktivitäten und Sommerferienlager, um Kinder verschiedener Gemeinschaften zusammenzubringen. Mit diesem integrierten Vorgehen auf lokaler und nationaler Ebene möchte Terre des hommes die soziale Eingliederung von Roma-Kindern und ihren Familien nachhaltig fördern.
Erklärungen unserer Delegierten
Joseph Aguettant in Rumänien:
«Die Ergebnisse der letzten Volkszählung (vom Oktober 2011) dringen nun langsam an die Öffentlichkeit. Zwei Sachverhalte überraschen besonders: Rumänien hat drei Millionen Einwohner verloren, während die «Minderheit» der Roma kontinuierlich anwächst. Es wird darüber spekuliert, ob die Roma (die drittgrösste ethnische Gruppe nach den Rumänen und Ungaren) zu einer «grossen Minderheit» werden und die beiden anderen Gruppen gar überholen könnten. Statistische Prognosen sind einfach aufzustellen und für jedermann einsehbar. Diese Realität zwingt uns, unsere Kinder und Enkelkinder dazu, mit anderen, weniger abwertenden Wörtern als «Minorität» von den Roma zu sprechen. In 4 bis 5 Generationen werden sie die Mehrheit darstellen. Sie werden die Sozialleistungen und Renten für andere Gruppen bezahlen – oder auch nicht. Denn wenn grosse Bevölkerungsteile ohne Rechte sind und am Rande der Gesellschaft leben, wird das gesamte System kollabieren. Der Internationale Tag der Roma ist eine Gelegenheit, daran zu erinnern, dass die gesellschaftliche Eingliederung von Roma-Kindern, hauptsächlich durch frühkindliche Betreuung und Primarschulen, eine der wichtigsten Herausforderungen im Europa des 21. Jahrhunderts ist.
Durch die explizite, aber nicht ausschliessliche Arbeit mit den Roma leistet Terre des hommes einen Beitrag an die so dringend notwendigen Anstrengungen beim Aufbau einer besseren Zukunft für Rumäniens Kinder ganz allgemein.
Terre des hommes setzt auf die Gemeinschaftsentwicklung, die darin besteht, «mit» den Roma zu arbeiten und nicht «für» sie. Das Ziel ist, dass von der Gemeinschaft getragene und von Tdh unterstützte Organisationen den Kinderschutz, die Bildung und andere Aktivitäten in den Gemeinschaften, sicherstellen. Unsere Vision ist es, dass die Gemeinschaften selbst in der Lage sind, ihre Kinder vor Missbrauch und Ausbeutung, Vernachlässigung und Kinderhandel zu schützen, und die Eltern Bildung, Gesundheitsleistungen und psychosoziale Hilfe erhalten.»
Artur Marku in Kosovo:
«Seit Ende des Konfliktes mit Serbien im Jahr 1999 hat sich die Situation der Roma nicht wirklich zum Positiven verändert. Ihre Diskriminierung und Ausgrenzung blieb in den vergangenen zwölf Jahren gleich hoch. 1999 und 2004 fanden organisierte, systematische «ethnische Säuberungen» statt, von denen die Roma am meisten betroffen waren. Trotz ihrer geplanten Integration in die kosovarische Gesellschaft und ihrer Anerkennung in der kosovarischen Verfassung sind die Roma noch immer mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert wie Segregation und Diskriminierung, mangelnde Sicherheit, fehlender Zugang zu Unterkunft, Bildung, Gesundheit, Arbeit und Sozialhilfe. In den letzten drei Jahren haben einige internationale Organisationen Initiativen ergriffen, um die Lebensbedingungen der Roma zu verbessern, doch waren sie auf den Bau von Häusern beschränkt und zielten nicht auf eine wirtschaftliche Stärkung der Familien ab.
Viele Lager im ganzen Land beherbergen stets Tausende von Inlandflüchtlingen, wovon 90% der Gemeinschaft der Roma angehören. Roma stossen bei der kosovo-albanischen Bevölkerung und den Behörden immer noch auf Ablehnung.
Die Kinder der Roma leiden besonders unter diesen Schwierigkeiten, weil sie vom Bildungssystem ausgeschlossen, bei Zivilstandsämtern nicht gemeldet, in ihren Lagern isoliert sind und so Opfer von Ausbeutung, Handel, Missbrauch und Vernachlässigung werden.»
Sendrine Constant in Albanien:
«Während Roma-Gemeinschaften in ganz Albanien weiterhin ausgegrenzt werden und unter verschiedenen Formen der Diskriminierung zu leiden haben, unterstützt Tdh Albanien Roma-Organisationen, insbesondere Freiwilligengruppen, damit sie selbst zu Akteuren des Wandels werden. Tdh spricht nicht im Namen der Roma, wir helfen ihnen vielmehr, selbst in Würde das Wort zu ergreifen und die Achtung ihrer Rechte einzufordern, indem wir ihre Mobilisierung fördern und zu Institutionen und staatlichen Einrichtungen Brücken schlagen. Dank kleinen Roma-Freiwilligengruppen, die seit mehreren Jahren von Tdh ausgebildet und betreut werden, wurden 2011 mehr als 150 Kinder identifiziert, die eine Geburtsurkunde, Einschulung, medizinische Hilfe oder Schutz vor Gewalt und Ausbeutung benötigten. 82 Familien wurden mit Mikrokrediten unterstützt, um ein eigenes Geschäft aufbauen und so der Armut entkommen zu können; 400 Kinder nahmen an von Mitgliedern der Gemeinschaft organisierten Sommerlagern teil. Vertreter der Roma beteiligen sich zudem an lokalen und regionalen Regierungsstrategien zur sozialen Sicherheit und Eingliederung.
Vor allem Roma-Frauen, die zuvor keinerlei Ausdrucksmöglichkeiten hatten, stehen nun mit Vertretern der Lokalregierung im Dialog. Durch von Tdh unterstützte, Einkommen schaffende Aktivitäten werden sie zu den Hauptverdienerinnen ihrer Familien. Ausserdem informieren sie ihre Gemeinschaften zu Fragen des Kinderschutzes und zu den Themen wie Erziehung, Frühheirat und häusliche Gewalt, während ihre Kinder zur Schule gehen und dort Hand in Hand mit Kindern spielen, die keine Roma sind.»
