Kolumbien: Der Fall Pravisanni – Ein Grundstein
- Herausgegeben von Darcissac, MarionDer Tourist Paolo Pravisanni wurde wegen zahlreicher Verbrechen wie Pädophilie, Anstiftung Minderjähriger zu Prostitution und Drogenkonsum verurteilt. Freddys del Toro liefert uns hier seine Eindrücke aus einer nach der Verurteilung des Sextouristen erleichterten Stadt. Als Anwalt von Terre des hommes für das Projekt zur Bekämpfung der sexuellen Ausbeutung in Kolumbien vertrat er in diesem Prozess die Zivilparteien.
Die Kultur des Schweigens hat in Cartagena mit der Verurteilung von Paolo Pravisanni einen schweren Schlag erhalten. Das Schweigen über sexuelle Ausbeuter wie diesen Italiener wurde gebrochen. Allerdings zu einem sehr hohen Preis. Denn die ganze Lebendigkeit, Kraft und Jugend eines 15-jährigen Kindes waren dazu notwendig: die von Jesid Torres Tovar, dessen furchtbarem Tod andere Missetaten, Vergehen und Delikte vorausgegangen waren wie Anstiftung zur Prostitution, Kinderpornografie und sexuelle Handlungen mit zwei weiteren Minderjährigen im Alter von 13 und 14 Jahren.
Der Italiener war nicht der einzige Schuldige. Auch ältere Frauen waren als Komplizinnen oder Mittäterinnen in diese Abscheulichkeiten involviert und missbrauchten diese Kinder.
Eine ganze Stadt, die von den Medien in Atem gehalten wurde, ist jetzt aufgewacht – glücklich – und alle Päderasten sind konsterniert. In Italien, dem Heimatland des Täters, wurde die Nachricht von 17 Zeitungen aufgenommen, was dazu beiträgt, dass sich auch andere Individuen Gedanken machen müssen, die vielleicht dachten, es sei ein Leichtes, nach Kolumbien zu reisen und dank ihrer wirtschaftlichen Macht und der Ausgrenzung dieser Kinderprostituierten obszöne Gelüste zu befriedigen.
Der Urteilsspruch ist ein Einschnitt in der Rechtsgeschichte des Landes: Es gibt jetzt ein Vor und ein Nach dem Fall Pravisanni. Und das ist nicht wenig. Es ist die erste Verurteilung eines Ausländers wegen Handlungen sexueller Ausbeutung.
Das Glück, das nun die Stadt erfüllt, ist wie eine sehnlich erwartete Katharsis angesichts ähnlicher Fälle, in denen die Justiz beschnitten worden war: Nur vier Tage vor Jesids Tod wurden elf Israeli in die Freiheit entlassen, obwohl sie ein junges Mädchen zusammen mit anderen Frauen in ein altes Haus in der Altstadt von Cartagena gebracht hatten, wo sie es zur Prostitution und zum Konsum von Kokain und Alkohol gezwungen hatten. Doch die Stadt und das Kind wurden um ihre Rechte betrogen, weil der Fall aufgrund eines angeblichen Verfahrensmangels gar nie vor Gericht kam.
Sechs Monate später ist ein Ausländer in einem bekannten Einkaufszentrum auf der Toilette bei sexuellen Handlungen mit einem Minderjährigen überrascht worden. Er blieb auf freiem Fuss, weil kein Übersetzer zur Stelle war. Die Stadt hielt den Atem an.
Der Fall Pravisanni führt jetzt zu einem allgemeinen Aufatmen, trotz der Wartezeit wegen wiederholter Vertagungen, beinahe endloser, durch die Verteidigung herbeigeführter Vertagungen. Doch Cartagena zeigte während des ganzen Prozesses, dass die Stadt in Bezug auf solche Missbräuche nicht mehr dieselbe sein würde. Dass es kein Schweigen mehr geben würde.
Die Bekämpfung der sexuellen Ausbeutung von Kindern wird trotzdem nicht einfach sein. Die Stadt leidet darunter, dass sie der Treffpunkt und das Ziel von Menschen ist, die infolge des bewaffneten Konfliktes im eigenen Lande Vertriebene sind. Ein Phänomen, das die Armut im Umkreis dieser historischen Sehenswürdigkeit übermässig ansteigen lässt und zu einem Elend führt, das mit den Favelas von Rio de Janeiro vergleichbar ist, mit einem Unterschied: Die Häuser in den Favelas bestehen aus Ziegelsteinen, während unsere einfach mit Müllsäcken abgedichtet werden.
Das Phänomen lässt sich in den Vertriebenenvierteln El Pozón und Nelson Mandela beobachten wie auch in La Boquilla, das auf dem Gebiet des Kinderschutzes seit einiger Zeit die Orientierung verloren hat. Es sind Fälle von Eltern bekannt, die sich inmitten eines Gerichtsverfahrens, das ihre Kinder verteidigte, wegen leerer Versprechungen, Gefälligkeiten, die niemals eintreffen, zugunsten der Täter zurückgezogen haben. In La Boquilla, das mit modernen Hotels überbaut wird, wo hohe Steuern, unbezahlbare öffentliche Leistungen und prekäre Arbeitsmöglichkeiten den Bewohnern das Leben schwer machen, herrscht ein heimliches Einverständnis mit dem Sexgeschäft.
Auf der einen Seite ist die offenkundige Schwäche dieser Kinder, auf der anderen der Wohlstand der Touristen, die täglich nach Cartagena kommen. Sie gelten als Quelle der Hoffnung, einer Hoffnung, die aufgrund der Verzweiflung wie in den beschriebenen Fällen oft schnell verblasst. Doch handelt es sich um Einzelfälle?
Natürlich nicht. Es sind nur die berühmtesten Fälle, und deshalb haben wir davon Kenntnis. Doch wie viele ähnliche oder weniger auffällige Fälle gibt es in der Stadt, von denen wir nichts wissen? Jede Zahl mag willkürlich erscheinen. Es handelt sich um “Fälle, die hinter verschlossenen Türen stattfinden” (so der Wortlaut der Justiz). Unter diesen Vorzeichen werden in Cartagena viele Kinder ausgebeutet – nicht nur von Touristen, auch von Einheimischen.
Das Problem ist heute nicht der Tourismus. Das Problem ist die touristische Praxis. Ein nachhaltiger Tourismus würde derartige Fälle nicht zulassen. Eine Entwicklung des Tourismus ohne Berücksichtigung der Nachhaltigkeit führt zu dessen Tod. Der Sex-, Drogen- und Strandtourismus bringt der Stadt nichts. Er bringt mehr Schaden als Nutzen.
Aufgrund des Gesagten verdient es diese Stadt, dass Wachposten aufgestellt und in den höheren Sphären des Staates grössere Anstrengungen unternommen werden, so wie es die Zivilgesellschaft bereits tut.
Der Fall Pravisanni legt den Grundstein, um einen Weg zu bauen, der trotz aller Hindernisse zum Schutz unserer Kinder führen wird.
FREDDYS DEL TORO DIAZ
Anwalt der Zivilpartei im Prozess gegen Pravisanni.
Stiftung Terre des hommes – Lausanne
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