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Marokko: Kinder als Bedienstete und Hirten – Bekämpfung von unrechtmässigen Praktiken
Marokko: Kinder als Bedienstete und Hirten – Bekämpfung von unrechtmässigen Praktiken
17 Jul 2012 Kinderhandel, Missbrauch und AusbeutungMarokko
Im Souss-Tal in Zentralmarokko begegnet man häufig Kindern, die auf dem Feld arbeiten oder von zu Hause weggehen, um sich in einer Stadt als Haushaltshilfe oder «petite bonne» zu verdingen. Sei es als Bedienstete oder Hirten, diese Kinder sind Opfer eines Vermittlungssystems: Sogenannte «Samsars», das heisst Drittpersonen, die aus demselben Dorf stammen, rekrutieren Kinder, um sie an Arbeitgeber zu vermitteln. Die Kinder werden manchmal gut behandelt, häufig aber Opfer von Gewalt und Missbrauch: In den meisten Fällen werden ihre Rechte missachtet. In den Provinzen Agadir und Taroudant entwickelt Terre des hommes zusammen mit dem marokkanischen Partner Oum El Banine ein System, um Hunderte von Kindern zu schützen oder aus Situationen zu befreien, in denen sie durch Haus- oder Feldarbeit ausgebeutet werden.
Die Sitten respektieren…
Die Ausbeutung von Kindern durch Haus- oder Feldarbeit ist ein tief in den Traditionen ländlicher Gebiete verwurzeltes Phänomen, von dem etwa 600’000 Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren betroffen sein sollen (Quelle: Nationale Umfrage zur Beschäftigung). Die Arbeit von Kindern unter 15 Jahren ist in Marokko verboten, das marokkanische Arbeitsrecht regelt die Beschäftigung von Hausangestellten aber erst seit Ende des letzten Jahres. Nach dem neuen Gesetz sollte es Arbeitsinspektoren möglich sein, Privathaushalte zu betreten, um in Fällen von Gesetzesübertretungen zu ermitteln. Doch mit der Umsetzung dieses neuen Gesetzes hapert es noch.
Unter Achtung der kulturellen Werte jeder Gemeinschaft wollen Terre des hommes und Oum El Banine diese alten Praktiken bekämpfen, die gegen die Rechte verstossen, die jedem Bürger von Gesetzes wegen zustehen. Gemeindearbeiter besuchen 10 Dörfer in der Region Souss, um die Bewohner auf die Gefahren aufmerksam zu machen, denen Kinder bei der Arbeit unter solchen Bedingungen ausgesetzt sind. Sie sind auch über mögliche Alternativmassnahmen informiert, die Kinder vor Ausbeutung schützen. Bis heute wurden 455 Personen sensibilisiert, die sich dazu verpflichtet haben, diese Botschaft an andere Dorfbewohner weiterzugeben.
…aber der Ausbeutung ein Ende setzen
Kinder, die bereits ausgebeutet werden oder stark gefährdet sind, ein solches Arbeitsverhältnis einzugehen, erhalten Unterstützung und Gehör, werden zu ihren Familien zurückgebracht, eingeschult und nehmen an psychosozialen Aktivitäten sprachlicher, künstlerischer, kreativer oder sportlicher Art teil. Tdh hilft ausserdem ihren Familien, wirtschaftliche Alternativen zu finden zum Beispiel in Landwirtschaftskooperativen oder handwerklichen Kleinstunternehmen (Herstellung von Couscous, Arganöl usw.). Die ganze Gemeinschaft wird mobilisiert, damit die ausgebeuteten Kinder oder die Kinder die unter Bedingungen leben, die sie zur Ausbeutung führen könnten, sozial und erzieherisch neu eingegliedert werden. Seit der Lancierung dieses Projekts im November 2011 wurden 354 Kinder, die als Hausangestellte oder Hirten gearbeitet haben – oder diesem Schicksal knapp entronnen sind –, von den Teams des Projekts individuell betreut, während 646 gefährdete Kinder Stützunterricht erhalten und an den psychosozialen Aktivitäten teilnehmen.
Das Ziel von Tdh ist, dass dieses Kinderschutzsystem von den lokalen Akteuren und Gemeinschaften entwickelt und verinnerlicht wird. Die Mitarbeitenden von Tdh und Oum El Banine wenden sich deshalb an die Behörden, Vereinigungen, Imame und lokale Abgeordnete der Region, damit diese selbst für den Schutz der am meisten gefährdeten Kinder sorgen, aber auch dafür, dass deren Eltern ein anderes Auskommen finden können und das Gesetz gegen Kinderarbeit umgesetzt wird.
Ein ganzes Netzwerk lokaler Vereinigungen und Organisationen tritt bei den marokkanischen Behörden für die konkrete Anwendung der Gesetzgebung ein. Zudem befindet sich eine Datenbank im Aufbau, mit der die guten Praktiken zur Vorbeugung und zum Schutz von besonders für Ausbeutung durch Arbeit gefährdeten Kindern herausgearbeitet werden sollen. Mit weiteren Fachleuten der Region wird darüber hinaus ein Aktionsmodell entwickelt, um anhand konsolidierter Informationen konkrete Lösungen anzubieten.
