Rumänien: Das Phänomen der Sozialwaisen bekämpfen
8 Jun 2012 KinderschutzsystemeRumänien
Rumänien plant, einen neuen Gesetzesvorschlag zur Abstimmung zu bringen, der Sozialwaisen eine bessere Betreuung gewährleisten soll. Die Delegation von Terre des hommes (Tdh) in Rumänien beschäftigt sich intensiv mit dieser Problematik, und zwar im Rahmen des MOVE-Programms und seiner pädagogischen Methode “Bewegung, Spiel und Sport” (BSS), die von der rumänischen Regierung anerkannt wird. Das in Zusammenarbeit mit der UEFA entwickelte Projekt ermuntert Kinder zur Ausübung eines Sportes, insbesondere Fussball.
Sozialwaisen
Wie in anderen osteuropäischen Ländern kennt auch Rumänien das Phänomen der Wirtschaftsmigration. Eltern verlassen ihre Kinder, um in Westeuropa Arbeit zu suchen. Dies kann äusserst schwerwiegende Folgen für die Kinder haben. Bei diesen sogenannten Sozialwaisen kommt es zu unterschiedlichen Störungen wie Schulversagen, Verhaltensproblemen, psychischen und affektiven Beschwerden. In Extremfällen kann das Verlassenheitsgefühl auch zum Suizid führen.
Wenn Fussball hilft
Das MOVE-Programm bietet Sozialwaisen einen pädagogischen Rahmen, in dem sie lernen können, wieder Vertrauen zu schöpfen und ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Mit Hilfe von Sportaktivitäten und einer gründlichen pädagogischen Begleitung entwickeln die Kinder kooperative Eigenschaften und freuen sich, zur Schule zu gehen. Ehemalige Fussballstars wie Miodrag Belodedici, Ion Vladoiu und Daniel Prodan unterstützen das Projekt, indem sie an den Aktivitäten mit den Kindern teilnehmen. Durch das Projekt mit Tdh hat die UEFA verstanden, dass Fussball dank der Werte, die er vermittelt, ein für den Wiederaufbau der Kinder wichtiger Faktor ist. Sie hat die Kinder auch belohnt und zum Finale der Europa League ins Stadion eingeladen. Bei dieser Gelegenheit richtete Joseph Aguettant, der Repräsentant von Tdh in Rumänien, folgende Worte an sie: «Sagt euren Mitmenschen, dass ihr nicht nur Glück gehabt, sondern euch aktiv an unseren Projekten beteiligt habt, dass ihr eure Nächsten respektiert, alle gleichberechtigt behandelt und keinerlei rassistische Bemerkungen gemacht habt. Tdh ist keine karitative Organisation: Wir helfen euch und den anderen Kindern Rumäniens, weil ihr die künftigen Leader dieses Landes seid.»
Für ein neues Gesetz
Das MOVE-Projekt trägt Früchte und zeigt, dass der Anteil von Kindern mit Verhaltensproblemen deutlich zurückgeht. 2011 profitierten 1062 rumänische Kinder von der BSS-Methode. Trotzdem bleibt noch viel zu tun. Die Initiatoren des neuen Gesetzesvorschlags, die Abgeordneten Tudor Ciuhodaru und Mircia Giurgiu, präzisierten der Bucharest Herald gegenüber, dass «die Statistik […] 300’000 verlassene Kinder aufführt, nachdem mehr als drei Millionen Erwachsene zum Arbeiten ins Ausland gegangen sind. Die Hälfte dieser Kinder ist zwischen zwei und sechs Jahren alt, vier Prozent sind noch nicht jährig, 16 Prozent haben ihre Eltern seit über einem Jahr nicht gesehen, drei Prozent seit mindestens vier Jahren nicht mehr.» Ein neues Gesetz zugunsten von Sozialwaisen würde es ermöglichen, die Ausreise von Migranten bei den zuständigen Behörden seriöser zu betreuen und die Bestimmung eines Vormunds für das Kind vor dem Notar zu verlangen. Auch würde die Überwachung der örtlichen Sozialdienste durch die Kontrolle und Beobachtung der Lebensbedingungen des Kindes verstärkt.
Dennoch verweist die Projektleiterin der Tdh-Delegation in Rumänien, Laura Ghica, in ihrer Analyse des Gesetzesvorschlags auf einige Lücken. Fehlendes Geld, der Mangel an Sozialarbeitern auf lokaler Ebene, die Ausbildung der Sozialarbeiter für solche Spezialfälle und die Koordination zwischen den verschiedenen Schutzeinrichtungen für Sozialwaisen sind alles Elemente, die eine Umsetzung des Gesetzesvorschlags erschweren. Selbst wenn Rumänien auf gutem Weg ist, seine Kinder zu schützen, ist dieser noch lang. Über das Gesetz wird in der zweiten Jahreshälfte 2012 abgestimmt.
