Das Wirtschaftswachstum hat die Anziehungskraft der Städte erhöht. Gefährdet sind Kinder und Jugendliche aus armen Familien, die vom Land in die Stadt gezogen sind. Oft ohne Ausweispapiere, arbeiten sie auf der Strasse, wo sie leicht Opfer von Ausbeutung werden.
Die Lösungsansätze von Terre des hommes
Strassenkinder – Terre des hommes (Tdh) führt seit 2001 zusammen mit vietnamesischen Partnern ein Programm zur Wiedereingliederung von Strassenkindern in Ho Chi Minh Stadt, Can Tho und Cao Lanh. Ziel ist die soziale und berufliche Integration gefährdeter Kinder und Jugendlicher durch Einschulung, Berufsausbildung und Beschaffung von Ausweispapieren.
Während mehrerer Jahre hat Tdh Unterkünfte für Kinder und Wohngemeinschaften für Jugendliche, die nicht mehr bei ihrer Familie leben können, unterstützt. Heute übernehmen drei Beratungsbüros, die in armen städtischen Vierteln etabliert worden sind, die Funktion der Prävention.
Die berufliche Integration ist für jene Kinder unverzichtbar, die wegen ihres Alters oder der finanziellen Situation der Familie nicht zur Schule gehen können. Jugendlichen wird eine Lehre – je nach Möglichkeit und Interesse, zum Beispiel als Mechaniker, Schneider, Frisör, Kellner oder Koch – ermöglicht.
Ergebnisse 2008
Unterstützung für Strassenkinder – 640 Kinder und Jugendliche erhielten durch Terre des hommes einen individuellen Beistand: Tdh unterstützte zwei Einrichtungen für 51 Kinder sowie fünf Wohngemeinschaften für 99 Jugendliche. Sie wurden betreut und erhielten die Gelegenheit, einen Beruf zu erlernen. In drei Beratungsbüros, in Ho Chi Minh Stadt und in zwei Städten des Mekong Deltas, gingen SozialarbeiterInnen auf die Anliegen von Minderjährigen ein und betreuten 490 Kinder und Jugendliche. Die SozialarbeiterInnen informieren auch die Familien über die Gefahren, denen Kinder auf der Strasse ausgesetzt sind. Insgesamt unterstützte Tdh 2'339 Kinder und Jugendliche.
Die Herausforderungen
Stärkung der Partnerorganisationen – Terre des hommes legt Wert auf die Weiterbildung der MitarbeiterInnen der Partnerorganisationen (beispielsweise im Bereich Projektmanagment und Mittelbeschaffung), damit diese ihre Aktivitäten möglichst unabhängig von Tdh durchführen können.
Landflucht – Mit der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung, weiten sich die Städte immer stärker aus, und viele arme Bauernfamilien ziehen in die Stadt, um Arbeit zu suchen. Diese stark zunehmende Landflucht vergrössert die Kluft zwischen Arm und Reich.
Rechtliche Anerkennung – Viele Kinder sind bei ihrer Geburt in ländlichen Regionen nicht registriert worden. Für den Zugang zu Schule und Gesundheitsdienst sowie für die Arbeits- und Wohnungssuche sind aber die Geburtsurkunde und Ausweispapiere nötig. Tdh verfolgt daher das Ziel, Kinder und Jugendliche bei der Beschaffung rechtsgültiger Dokumente zu unterstützen und ihnen somit die soziale Integration zu ermöglichen. Ebenso ist es wichtig, bei den betroffenen Akteuren, ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen, damit die Kinder in Zukunft einfacher ihre Dokumente erhalten.
GESCHICHTE - Binh, 17 Jahre alt
Binh stammt aus einer abgelegenen Gemeinde der Provinz Dien Bien in den Hochebenen Nordvietnams. Mit 15 Jahren verliess er seine Familie, die in grosser Armut lebt. Bevor er sie verliess, hatte er sich als Arbeiter verdingt und so ein wenig Geld sparen können. Binhs Vater war Alkoholiker, und Binh hoffte, dass sein Vater mit dem Trinken aufhören würde, sobald er realisiere, dass sein Sohn die Familie verlassen habe.
Binh nahm den Bus nach Hanoi, von wo er nach Hue weiterfuhr, wo er sich eine Woche aufhielt. Schliesslich landete er in Ho Chi Minh City. Da er kein Geld mehr hatte, versuchte er, am Busbahnhof zu übernachten. Dort wurde er eines Tages von der Polizei aufgegriffen, die ihn in ein städtisches Sozialzentrum brachte, eine Partnerinstitution von Tdh. Aus Angst, direkt wieder nach Hause geschickt zu werden, gab er zuerst an, sich nicht mehr an seinen Herkunftsort zu erinnern.
Nachdem er aber in die offene, von Tdh unterstützte Wohngruppe aufgenommen wurde, konnte er eine Lehre zur Dekoration des traditionellen ao dai (die Nationalkleidung vietnamesischer Frauen) beginnen. Mit Hilfe der Sozialarbeiterin hat Binh nun seine Familie wieder kontaktiert. Er möchte sie wiedersehen, doch erst zurückkehren, sobald er in seinem Beruf Erfolg hat.

