15.12.2017 - Nachrichten

Bulgarien: Wir überlassen Flüchtlingskinder nicht sich selbst

Obwohl Bulgarien hauptsächlich als Transitland für Flüchtlinge gilt, die in die Europäische Union gelangen möchten, haben die strengeren Grenzkontrollen Ungarns und Serbiens seit 2016 dazu geführt, dass viele Migranten in den Aufnahmezentren dieses Landes stranden. Tdh bietet in drei Zentren Sofias psychosoziale Unterstützung und Schutz für Kinder und unbegleitete Minderjährige.

2016 erreichte der Anteil Kinder, insbesondere unbegleiteter und von ihren Familien getrennter Kinder, unter der asylsuchenden Bevölkerung ein nie dagewesenes Ausmass: Sie machten mehr als ein Drittel aus und 14 Prozent waren unbegleitete Minderjährige. Da die Behörden nur beschränkt mit der aktuellen Situation asylsuchender Kinder im Land umzugehen verstehen, war es entscheidend, eine langfristige Antwort mit einer nachhaltigen Lösung zu finden.

Während der Staat für die Unterkunft, das Essen und die Verfahren zuständig ist, kümmern wir uns um gefährdete Kinder und Jugendliche. Gemeinsam mit unserem Durchführungspartner, dem Bulgarischen Roten Kreuz (BRC), konzentrieren wir uns auf die drei Aufnahmezentren mit den meisten Kindern: diejenigen der Hauptstadt Sofia. Da die Umgebung für Flüchtlingskinder besonders deprimierend ist, musste unbedingt ein sicherer Ort bereitgestellt werden – wo sie einen Moment lang einfach Kind sein können. Unser Ziel ist es, einen Raum zu bieten, wo Kinder ihre Emotionen in Worten ausdrücken können – wie sie sich fühlen, was sie fürchten und worauf sie hoffen. Erzählaktivitäten in Gruppen und künstlerische Ausdrucksformen gehören zu den wichtigsten Hilfsmitteln, damit Kinder Traumata überwinden können“, erklärt Vesna Nencheva, unsere Psychologin in einem der Zentren.

Unsere kinderfreundlichen Orte in den Aufnahmezentren

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Mit einem kinderfreundlichen Ort in jedem Zentrum und IT-Räumen für migrierende Jugendliche haben wir Platz zum Spielen und Lernen geschaffen. Jeder Raum ist mit Material ausgestattet, um Aktivitäten wie Sport, kreative Arbeiten, Musik und Lesen zu ermöglichen. In den IT-Räumen führt ein Experte Übungen durch, damit Jugendliche ihre Computerkenntnisse und ihre Arbeitsmarktfähigkeit entwickeln können. Der Raum bietet auch einen Internetzugang für Kontakte mit der Familie und Freunden.

Ein Fallverwaltungssystem für Kinder, die zum ersten Mal in Bulgarien sind

Wir haben ein Fallverwaltungssystem für migrierende Kinder eingerichtet. Das Team erfasst die Fälle, stärkt Überweisungsmechanismen und bietet Kindern Direkthilfe. „Bis jetzt gab es in Bulgarien kein umfassendes Schutzangebot für unbegleitete oder von ihren Familien getrennte Kinder. Wir versuchen diese Lücke mit dem Fallmanagement zu schliessen,” meint Lyudmila Simeonova, Teamleiterin Case Management. Der 17-jährige Hayaan*, ein unbegleiteter Junge aus Somalia, ist eines der Kinder, das diesen Dienst in Anspruch nimmt. Er wartet auf seine Familienzusammenführung in Grossbritannien. Während des langen Rechtsverfahrens blieb er den ganzen Tag untätig. Ein Fallbetreuer half ihm, Beschäftigungsmöglichkeiten zu finden, die während dieser Wartezeit am besten für ihn geeignet sind. Er wurde für eine Berufsausbildung angemeldet und besucht heute eine Fachschulklasse für Bäcker, wie er es sich erträumt hatte.

Im August 2017 begrüsste die staatliche Flüchtlingsbehörde Bulgariens unser Fallmanagementsystem und zeigte Interesse, unsere Formulare und Leitlinien zu übernehmen und längerfristig auf weitere NGOs zu übertragen. Diese Beteiligung ist für die Nachhaltigkeit des Projekts sehr wichtig.

Bildernachweis: © Tdh/Ivo Daskalov

*Um das Privatleben des Kindes zu schützen, wurde der Name geändert.

 

Sehen Sie sich unseren Film über den ersten Projektteil in Zusammenarbeit mit dem IRC (International Rescue Committee) für unbegleitete oder von ihren Familien getrennte Kinder in Bulgarien an:

Bulgarien: Migrierende Kinder schützen