COVID-19
Die Pandemie bedroht gefährdete Familien.
18.06.2020 - Nachrichten

Covid-19: Eine Gefahr zu viel für Flüchtlingskinder

In Bangladesch, in Griechenland und im Libanon lebten Flüchtlingsfamilien in bereits sehr prekären Verhältnissen. In Zelten oder Notunterkünften untergebracht, erleiden sie nun mit voller Wucht die verheerenden Folgen der Covid-19-Pandemie. Vor Ort leisten unsere Teams Nothilfe und beweisen Kreativität, um das Ansteckungsrisko zu verringern und auf die wachsenden Bedürfnisse von Kindern und Eltern einzugehen.

 

Das Flüchtlingslager Koutsohero in Griechenland ist von einem Zaun umschlossen. Dahinter stehen, so weit das Auge reicht, lange Reihen weisser Container, die den Familien als Unterkünfte dienen. Seit März ist auch das Lager nicht von der globalen Katastrophe verschont geblieben, die durch das Coronavirus ausgelöst wurde. Während die Pandemie die Gesundheits- und Wirtschaftssysteme der reichsten Länder in die Knie gezwungen hat, sind ihre Folgen für Bevölkerungsgruppen wie Flüchtlinge, die in ohnehin schon prekären Verhältnissen leben, verheerend.

 

«Die aktuelle Lage hat für die Familien ein zusätzliches Trauma geschaffen, das zu ihrem schon sehr schwierigen Lebensweg hinzukommt», erklärt Jezerca Tigani, Delegationsleiterin von Terre des hommes in Griechenland. «Die Menschen leben in übervölkerten Lagern. Der Platzmangel verhindert die Befolgung des Social Distancing. Küchen und sanitäre Anlagen müssen mit anderen geteilt werden, Schutzmaterial ist nur beschränkt vorhanden.» Die Grundversorgung wurde in den meisten Lagern in Griechenland auf ein Minimum zurückgefahren oder gar vollständig eingestellt.

 

Die allgemeine Verunsicherung und die neuen Einschränkungen machen die Situation für Kinder besonders beängstigend. «Familien leben zu sechst oder zu siebt in einem 12 Quadratmeter grossen Container, der ihnen als Unterkunft dient, ohne Beschäftigung. Die Kinder zeigen Anzeichen von Wut und Aggressivität. Wir sehen sie oft weinen», erklärt Jezerca. In den Lagern, in denen wir im Libanon und in Bangladesch arbeiten, herrschen ähnliche Zustände.

 

Informieren und vorbeugen

Ein Teil unserer Nothilfe besteht darin, in den Flüchtlingslagern Präventionsbotschaften zu verbreiten. Für viele Menschen sind wir eine der wenigen vertrauenswürdigen und regelmässigen Informationsquellen. Sazed Ansari, nationaler Koordinator für Kinderschutz im Teknaf-Lager in Bangladesch, berichtet: «Wir sensibilisieren Eltern und Kinder für die Bedeutung der Gesundheits- und Hygienemassnahmen und zeigen ihnen, wie man sich richtig die Hände wäscht.»

 

In den Flüchtlingslagern von Bangladesch sensibilisieren wir Kinder für die Bedeutung des Händewaschens.

 

Zugespitzte finanzielle Situation

«Viele Eltern können nicht mehr arbeiten, was dazu führt, dass die Familien kein Einkommen haben, um für ihre Grundbedürfnisse aufzukommen», ergänzt Sazed. Die Eltern haben oft keine andere Wahl, als ihre Kinder zum Arbeiten zu schicken.

 

Die Verunsicherung und der Stress der Eltern wirken sich auch auf die Familienmitglieder aus. Maysaa Shami, Spezialistin für die geistige Gesundheit von Kindern im Libanon, erläutert: «Einige Eltern fühlen sich schuldig, kein Einkommen mehr zu haben. Sie sind frustriert und besorgt, was das Risiko für körperliche und psychische Gewalt gegenüber Kindern erhöht.»

 

Im Kontext dieser globalen Gesundheitskrise ist es unsere Priorität, weiterhin Kinder zu unterstützen und dabei die Abstandsregeln einzuhalten. Eine Herausforderung, die wir dank der Kreativität und dem Engagement unseres Personals vor Ort meistern.

 

Ängste überwinden

Psychologische Beratungsgespräche finden nun aus der Distanz statt. Im Libanon zum Beispiel arbeiten wir mit syrischen und palästinensischen Flüchtlingskindern, die in Lagern leben. «Statt sie zu besuchen, kommunizieren wir per Telefon oder Videoanruf», erklärt Maysaa. «Sie stellen viele Fragen: ‘Was ist los? Ist es normal, dass ich mich schlecht fühle?’ Wir helfen ihnen, die Situation und ihre Reaktionen darauf zu verstehen.»

 

Anas*, ein 14-jähriger syrischer Flüchtling, nimmt an diesen Gesprächen teil. «Ich habe jemanden zum Reden, dem ich sagen kann, was ich fühle und was in meinem Kopf vorgeht. Diese Gespräche geben uns die positive Energie, die wir brauchen, um unsere Sorgen zu überwinden.»

«Unser Leben wurde auf den Kopf gestellt»

Saïd mit seinem Sohn Anas, Syrian refugees in a camp in Lebanon

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Positive Wirkungen sind bald zu erkennen. «Wir beobachten eine Veränderung im Verhalten der Kinder, ihre Lebensfreude kehrt allmählich zurück. Sie ergreifen selbst Initiativen, beginnen zu zeichnen, schreiben Gedichte und kleinere Artikel, basteln oder kochen», fährt Maysaa Shami fort.

 

Auch die Eltern werden einbezogen, eine sehr wichtige Etappe. «Wir beruhigen sie und helfen ihnen, sich diesem neuen Leben anzupassen. So fühlen sie sich besser, was es ihnen erlaubt, ihre Beziehung zu ihren Kindern zu verbessern.»

 

Maysaa Shami führt ein psychologisches Beratungsgespräch aus der Distanz.

 

Die psychologische Fernberatung ist unabdingbar, hat aber auch ihre Tücken. Das Vertrauen zwischen Kind und Sozialarbeitenden ist schwieriger herzustellen. «Per Telefon oder Video gelingt es uns nicht, alle Gesichtsausdrücke und die Körpersprache zu verstehen. Es braucht mehr Zeit», erklärt Maysaa.

 

Das Engagement der Teams vor Ort

Unsere Teams an der Front stehen selbst unter hohem Stress. Jezerca Tigani in Griechenland hebt das Engagement des Personals hervor. «Ich bin beeindruckt von ihrem Einsatz in dieser schwierigen Zeit. Das Personal hatte die Wahl, in den Lagern oder aus der Distanz zu arbeiten. Die meisten haben nicht gezögert und begeben sich weiterhin vor Ort.»

 

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