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22.09.2021 - Nachrichten

Die Kinder von Gaza: eine Generation unter Blockade

In Gaza haben die meisten Kinder unter 15 Jahren noch nie die Aussenwelt gesehen. Die aufgezwungene Blockade beeinträchtigt die Lebensbedingungen ihrer Familien. Wegen der Armut arbeiten die Kinder, statt zur Schule zu gehen. Die COVID-19-Einschränkungen und die gewaltsamen Auseinandersetzungen im Mai 2021 haben ihr psychisches Leid erhöht. Wann werden sie wie andere Kinder leben können?

Vergangenen Mai bereiteten sich die Menschen von Gaza nach dem Ramadan auf das Opferfest vor, als die ersten Bomben einschlugen. Mahmoud*, ein 15-jähriger Jugendlicher, war mit seiner Familie zu Hause. Durch das Wellblechdach hindurch sah er die Flammen der Explosionen. «Wir hatten furchtbare Angst, als wir das Licht der Raketen sahen. Wir sind in die Wohnung meines Grossvaters hinabgestiegen, wo wir blieben, bis sich alles beruhigt hatte und eine Waffenruhe verkündet wurde. Ich hatte Angst und keine Lust, wieder hinaufzugehen.»

Nach elf Gefechtstagen und zahlreichen Appellen der internationalen Gemeinschaft trat der Waffenstillstand in Kraft. In Zusammenarbeit mit drei lokalen Partnerorganisationen, die den ganzen Gazastreifen abdecken, organisierten die Teams von Terre des hommes (Tdh) eine psychologische Erstversorgung, Beratungs- und Orientierungsgespräche sowie Freizeitaktivitäten für Kinder und verteilten Hygieneartikel an die am meisten betroffenen Familien.

Lesen Sie das Interview mit Ola, einer Tdh-Mitarbeiterin, die vom Konflikt in Gaza betroffene Familien getroffen hat

Asmaa Abu Reida arbeitet für eine Partnerorganisation von Tdh in einem der vier Kinderschutzzentren. Sie erklärt: «Wir befinden uns in einer Grenzregion. Stress und Angst sind allgegenwärtig. Wir helfen Kindern und ihren Eltern, ihre psychischen Traumata zu überwinden. Gemeinsam mit den Eltern schauen wir, wie wir Kinder begleiten können, die Krisensituationen durchleben oder mit dem Krieg konfrontiert sind.»

Ein Mädchen blickt von ihrer zerstörten Wohnung aus auf die Strasse.

Kinderarbeit

Die politischen Spannungen haben zusammen mit der Blockade und der Gesundheitskrise infolge von COVID-19 dramatische Auswirkungen auf die Wirtschaftslage im Gazastreifen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist arbeitslos und lebt unter der Armutsgrenze. Der Lockdown, der diese grosse Prekarität noch verschlimmerte, führte zu einer Zunahme häuslicher und sozialer Probleme. Huda Alawadi, Projektverantwortliche bei Tdh, erklärt: «Gaza befindet sich noch immer in einer Notlage. Wir haben noch keinen Frieden gefunden. Wegen COVID-19 haben viele Eltern ihr Einkommen verloren. Wir beobachten eine Zunahme der Kinderarbeit, weil Eltern ihre Kinder zum Arbeiten anhalten.»

Mahmouds Vater hatte keine Arbeit und erhielt nur eine kleine finanzielle Hilfe. In der Schule wurde der Jugendliche Opfer von Mobbing. Statt weiter zur Schule zu gehen, wollte Mahmoud seinem Vater helfen, indem er arbeitete. Er schwänzte den Unterricht und verbrachte die meiste Zeit damit, auf der Strasse Aluminiumdosen und Plastik einzusammeln. Mit der Zeit wurde er unruhig, ungehorsam und rebellisch. Die Beziehung zu seinem Vater war konfliktbeladen und seinen Geschwistern gegenüber verhielt er sich aggressiv. Seine Lehrpersonen merkten, dass er häufiger fehlte und weniger motiviert war. Er hat das Schuljahr schliesslich nicht bestanden.

Kinder lernen, ihre Gefühle auszudrücken

Viele Kinder haben Albträume, Angst oder Verhaltensstörungen. In den Kinderschutzzentren schaffen Tdh und ihre Partner geschützte Räume, wo Kinder über ihre Probleme diskutieren und diese mithilfe von psychosozialen Gruppenaktivitäten oder Einzelberatungen überwinden können.

Mahmoud besuchte diese Veranstaltungen. «Wir versuchten, Mahmoud in Aktivitäten einzubeziehen, und beauftragten ihn, bestimmte Spiele zu leiten, um sein Selbstwertgefühl zu stärken und ihm zu ermöglichen, seine Gefühle und Meinungen auszudrücken. Während einer Meditation hat er seine negativen Ideen durch positive Gedanken ersetzt. Wir haben mit ihm und seiner Familie einen Plan erarbeitet, wie seine Zeit organisiert werden könnte, damit er gute Lernbedingungen und Zukunftschancen hat», erklärt Asmaa. Seine Mutter erzählt mit Stolz: «Nachdem er einige Zeit mit den Sozialarbeiterinnen verbracht hatte, war er wieder etwas motivierter und sagte mir: ‹Mama, ich will nicht mehr arbeiten, ich will studieren, um Lehrer zu werden.› Ich war überrascht!» Mahmoud ist schliesslich wieder zur Schule gegangen.

Es gibt auch weniger Probleme zwischen Mahmoud und seinem Vater. Dieser hat sich Geld geliehen und einen Esel gekauft. Damit verdient er nun genug, sodass Mahmoud nicht mehr arbeiten muss.

Am Ende des Schuljahres bekam Mahmoud sein Zeugnis. Er war sehr glücklich und lief nach Hause, um es seiner Mutter zu zeigen: «Siehst du, Mama? Hier sind meine Noten, ich will es schaffen.»  

Jedes Jahr hilft Tdh im Gazastreifen etwa 200 Kindern, wieder zur Schule zu gehen oder eine Berufsausbildung zu machen. Die Sozialarbeitenden und Lehrpersonen betreuen sie in der Folge zu Hause und in der Schule. Wir stellen auch Uniformen und Schulmaterial sowie finanzielle Hilfe bereit, um zu vermeiden, dass Kinder wieder arbeiten müssen.

Mahmoud (in der Mitte) nimmt an einer psychosozialen Aktivität in einem der Kinderschutzzentren teil.

Die eigene Zukunft gestalten

Trotz der Blockade, der Zerstörung ihrer Umgebung und dem Verlust geliebter Menschen verbessern die Kinder und Familien weiterhin ihre Beziehungen, suchen Lösungen für ihre Probleme und träumen von einer besseren Zukunft. Asmaa, selbst Mutter, sensibilisiert die Eltern: «Wir müssen unseren Kindern zuhören, eine positive Beziehung zu ihnen unterhalten und sie in die Arme nehmen, egal, ob sie in der Schule gut sind oder nicht, ob sie krank sind oder nicht. Es ist immer wichtig, ihnen das Gefühl zu geben, dass wir uns um sie sorgen und sie lieben, sei es mit einem Wort oder einer Geste der Zuneigung.» Diese bedingungslose Liebe ermöglicht ihnen, das Selbstvertrauen zu gewinnen, das sie brauchen, um nicht aufzuhören zu träumen.

Mahmouds Traum ist es, so wie sein Mathematiklehrer zu werden, «weil er gebildet ist und andere unterrichtet. Er ist eine respektvolle Person. Ich möchte, dass die Zukunft ganz anders ist, und mehr Selbstvertrauen haben.» Huda, die Projektverantwortliche, betont: «Wir ermutigen die Kinder zum Mitmachen, Vertrauen zu gewinnen und uns zu sagen, was sie denken. Wir legen den Schwerpunkt auf die Bildung, um sie zu schützen. Wir erinnern die Kinder immer daran: Ihr seid die Kraft Gazas, macht einen Schulabschluss. Wenn ihr eine Ausbildung habt, könnt ihr eure Zukunft selbst bestimmen.»

Lesen Sie den vollständigen Bericht in unserem Magazin

Bildernachweis: ©Tdh/Samar Abu Elouf/Fairpicture

*Der Name wurde zum Schutz der Privatsphäre geändert.

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