19.09.2017 - Nachrichten

Ecuador: Wie die Kinder in die Sklaverei abgleiten

Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung ist ein Phänomen, das in Cotacachi, in der ecuadorianischen Provinz Imbabura, weiterhin besteht. Die extreme Armut der lokalen ländlichen Gemeinschaften bringt Eltern dazu, ihre Kinder arbeiten zu schicken. Als Gegenleistung verspricht man ihnen eine Bezahlung, die sie aber nicht immer erhalten. Auch beängstigende neue Formen des Menschenhandels werden aufgedeckt: Kinder werden ohne das Wissen ihrer Eltern im öffentlichen Raum und in Parks gekidnappt. Terre des hommes (Tdh) bekämpft das Problem an der Wurzel und leistet Präventionsarbeit.

Wenn die Stadt verstummt

Cotacachi ist der viertgrösste Kanton der Provinz Imbabura, doch an einem Freitag im Spätsommer bleibt alles still. Ein Bild, das stark in Kontrast steht mit den lebhaften Wochenenden, an denen in der Stadt Cotacachi Märkte und ein Lederwarenverkauf stattfinden. Mit den bunten Häusern ist es ein Ort wie gemacht für den Tourismus, doch ohne Touristen. Von der Innenstadt aus hat man eine gute Aussicht auf die weite ländliche Umgebung, wo Dutzende indigener Gemeinschaften leben, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, die Gegend mit Nahrungsmitteln zu versorgen. 80 Prozent der Kantonsbevölkerung konzentriert sich dort, die meisten Bewohner sind zwischen 5 und 19 Jahre alt. In ihren Gemeinden erreicht die mangelnde Sicherstellung der Grundbedürfnisse ein beängstigendes Ausmass. Wegen des Analphabetentums und der spärlichen Grundversorgung ist Cotacachi zu einem fruchtbaren Boden für eines der am wenigsten sichtbaren ungesühnten Verbrechen im Land geworden: den Handel mit Kindern und Jugendlichen.

Das Abgleiten in die Sklaverei

Bildung ist hier ein Privileg und Kinderarbeit an der Tagesordnung. Bietet ein Arbeitsvermittler Kindern Bildung an, ist das eine grosse Verlockung, in Wirklichkeit aber ein Schwindel. Wenn ein Kind gekidnappt wird, bleibt seine Situation für die Familie im Dunkeln. Sobald sie an ihrem Zielort in grösseren Städten im In- oder Ausland wie Kolumbien, Chile und Brasilien ankommen, werden die Kinder misshandelt, sexuell missbraucht und sich selbst überlassen.

Ein Sommerlager, um Kinder über Risiken aufzuklären

Da heute kein Markttag ist, besteht für die Gemeinschaften kein Grund, in die Stadt zu kommen. Das Zentrum kann als gespenstischer Ort bezeichnet werden, wäre da nicht das Murmeln, das aus einer lokalen Schule kommt. Rund hundert Kinder sind in der Aula versammelt, wo sie gerade ein einwöchiges Lager besucht haben. Fünf Tage lang haben sie gespielt und gesungen. Die Kinder von Cotacachi konnten hier etwas Ablenkung finden von den Pflichten zu Hause und der harten Arbeit, die sie schon in sehr jungen Jahren leisten müssen. Sie sprachen auch über ihre Probleme. Mehr als eines berichtete von Misshandlungen. Mehr als eines erzählte, dass es bald ins Ausland reisen werde, vielleicht für immer. Die Gruppenleiter überprüften die Kinder und identifizierten mögliche Fälle von Kinderhandel und Misshandlung, um sie weiter zu betreuen.

Terre des hommes organisiert diese Lageraktivitäten zweimal pro Jahr gemeinsam mit Unorcac, der Union der Bauern- und Eingeborenenorganisationen von Cotacachi. Wir möchten dem Menschenhandel mithilfe von Theater, Kino und Freizeitaktivitäten vorbeugen und Kinder über Risiken aufklären, denen sie ausgesetzt sind. Mehr als 5000 Kinder und Jugendliche besuchten unsere Aktivitäten einschliesslich der Sommerlager in Cotacachi.

Bildernachweis: ©Tdh/Luis Arguello