23.04.2015 - Nachrichten

Gaza auf Kollisionskurs

Wer durch das klaffende, von einer Granate gerissene Loch in der Latrinenwand hindurchschaut, hat einen freien Blick auf das Niemandsland hinter der Schule. Es ist eine öffentliche Schule im Osten von Gaza. Wenige Schritte dahinter beginnt die grüne Linie, die Grenzzone, in der auf jeden geschossen werden kann, der sie betritt. Der Name ist in jeder Hinsicht trügerisch, denn die Grenze bildet eine gefängnisgraue Mauer, so hoch wie ein vierstöckiger Wohnblock. Sie trennt Israel von den Einwohnern Gazas, und die Palästinenser voneinander, indem sie die Kommunikation zwischen Gaza und dem Westjordanland verunmöglicht.

Es ist nicht die Zerstörung der Schule an sich, die betroffen macht. Im Stadtviertel Shuja’iyya sind fast alle Gebäude verwüstet worden. Im August 2014 habe ich zwischen zwei Waffenruhen eine viertägige Bombardierung miterlebt. Für unsere palästinensischen Kollegen waren es 51 lange Tage. Dass dabei auch Schulen bombardiert wurden, ist bekannt. Die Vereinten Nationen zählten acht völlig zerstörte und 250 beschädigte. Erstaunlich ist, dass sechs Monate nach der Kairo-Konferenz „für den Wiederaufbau in Gaza“ das Loch in der Mauer immer noch da ist. Es erinnert an eine grössere Lücke – in unserem kollektiven Gewissen. Diese Opfer scheint die Welt noch schneller zu vergessen als die anderen.

Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: 19.000 Häuser sind immer noch zerstört oder unbewohnbar, fast 30.000 beschädigt. 100.000 Menschen können nicht nach Hause. 1.700 Familien wohnen in Sammelzentren, weitere 14.000 unter schwierigsten Bedingungen in provisorischen Unterkünften

In Kairo hat sich die Weltgemeinschaft verpflichtet, erstens zur Überweisung von 3,5 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau, zweitens zur Erreichung einer dauerhaften Waffenruhe sowie zur Aufnahme von Gesprächen über die Verantwortung aller Konfliktparteien für Völkerrechtsverletzungen. Bis heute ist erst ein Viertel der zugesagten Mittel geflossen. Der Gaza-Streifen ist nach wie vor abgeschnitten. Eine Gruppe von 46 Nichtregierungsorganisationen – darunter Terre des hommes – hat nun, sechs Monate nach Kairo, einen Bericht veröffentlicht. Dieser zieht eine niederschmetternde Bilanz und gibt konkrete Empfehlungen und Förderungen ab, um den Wiederaufbau zu beschleunigen oder gar zu beginnen. Den Bericht können Sie hier lesen.

Den Preis für die abwartende Haltung der Weltgemeinschaft bezahlt die Zivilbevölkerung. Die Gewalt setzt sich trotz der temporären Waffenruhe fort. Wenn nichts getan wird, um den Kollisionskurs zu ändern, auf dem sich die Konfliktparteien befinden, muss man nicht nur mit weiteren Auseinandersetzungen von wenigen Wochen, sondern mit einem Flächenbrand rechnen. Dieser würde sich nicht bloss auf Gaza und Israel auswirken, sondern auch die Nachbar- und Geberländer in Mitleidenschaft ziehen.

Wie bedauerlich, dass bloss ein Versprechen der Kairo-Konferenz gehalten wurde – das des Präsidenten in der Abschlussrede: „Gaza kann nicht in den Zustand vor dem Krieg zurückversetzt werden.“ Die Palästinenser in Gaza befinden sich gewiss nicht in der gleichen Situation wie vor dem Krieg. Es ist noch viel schlimmer.

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