28.09.2017 - Nachrichten

Irak: Humanitäre Hilfe unter wechselnden Bedingungen

Während das Referendum vom 25. September für die Unabhängigkeit des irakischen Kurdistans die gemeinschaftlichen Spannungen schürt, bedeutet der Fall einiger Bastionen von Gruppen des islamischen Staates bei Mosul und Tal Afar bei weitem noch nicht das Ende der Auseinandersetzungen. Auch ist die humanitäre Krise im Irak noch in keiner Weise geregelt. Terre des hommes (Tdh) setzt ihren Einsatz in der Nothilfe fort trotz des kritischen Umfeldes. Stephan Richard, Verantwortlicher für unsere Projekte im Irak, fasst zusammen.

Zwei Monate nach der Offensive der Koalition gegen den islamischen Staat (IS), wie sieht die Situation in Mosul aus?

Gewisse Quartiere sind total zerstört, andere konnten von den Gruppen des IS ohne grösseren Wiederstand eingenommen werden, so dass keine bedeutenden Schäden bei der Einnahme der Stadt entstanden sind. Doch können in lang besetzten Ortschaften Sprengstoffladungen oder Minen versteckt sein. Das verspätet die Wiederbesiedlung der Familien, die in gesicherten Quartieren warten müssen. Dazu kommt die Furcht vor islamischen Kämpfern im «Winterschlaf», die jederzeit ihre Waffen wieder aufnehmen können, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Dies ist ein weiterer Grund, der zur Verlangsamung der Rückkehr der Bevölkerung in ihre angestammten Wohngebiete führt.

Wie hat sich die Nothilfe von Tdh in dieser Zone entwickelt?

Wir arbeiteten zuerst an der Frontlinie, als der Zugang für andere humanitären Organisation noch schwierig war. Wir sind lange Zeit am Standort “Scorpion Jonction” – eine der seltenen Durchgangsstellen aus der Stadt – tätig gewesen. Als sich die humanitäre Hilfe mit dem progressiven Einsatz der Streifkräfte verbessert hat, haben wir uns entschlossen, den Platz anderen internationalen NGO anzuvertrauen. Somit konnten wir unser Nothilfeprogramm auf die Gebiete rund um Mosul konzentrieren, wo der Zugang noch sehr schwierig war.

Was haben sie für die Rückkehr der Familien vorgesehen?

Wir werden in Westmosul weiter lebenswichtige Güter verteilen und für die am meisten Gefährdeten 500 Unterkünfte zur Verfügung stellen, die jeweils eine Familie von 6 bis 8 Personen aufnehmen können. Dies erlaubt, den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden, die aus den Quartieren von Mosul stammen, die unter den Luftangriffen der Koalition am meisten gelitten haben und teilweise oder vollständig zerstört wurden.

Und in der Region von Tal Afar ?

Unsere Aktivitäten für die Vertriebenen umfassen die Abgabe von Trinkwasser und Notfallkits und die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen, die aus den Kampfzonen geflüchtet sind. Zudem werden sie in temporären Schulen unterrichtet. Wir haben auch ein Aufnahmezentrum für Frauen und Kinder geschaffen, wo sie versorgt werden, während ihre Ehemänner, Brüder oder Väter sich den amtlichen Kontrollen des irakischen Nachrichtendienstes unterziehen müssen. Solche Kontrollen können mehrere Tage in Anspruch nehmen.

Folgt Terre des hommes weiterhin der Frontlinie?

Es verbleiben noch einige besetzte Zonen, namentlich eine grosse Region im Westen der irakischen Wüste (Anbar). Dort sind die Gefechte noch sehr intensiv. Unser Team, das zwei Tage nach der Befreiung der Stadt Ana vor Ort war, konnte die verheerenden Konsequenzen der Rückeroberung der letzten von den Gruppen des islamischen Staates besetzen Gebiete feststellen. In Ana ist das Spital durch einen Bombenangriff total zerstört. Wir werden versuchen, Nothilfe für die medizinische Versorgung und die Bildung der Kinder in dieser kürzlich befreiten Zone zu organisieren.

Ist das Ende des Krieges voraussehbar?

Die Zukunft Iraks ist sehr ungewiss, mit oder ohne IS. Der geografische Raum des autoproklamierten Kalifats wird wohl in den nächsten Monaten vom Joch der Terrorgruppen befreit sein. Anders sieht es mit der Anwesenheit von IS-Kämpfern auf dem irakischen Gebiet aus. Es ist wahrscheinlich, dass mit einem erneuten Aufflammen von Terroranschlägen und lokalen Angriffen gerechnet werden muss. Zudem hat die Koalition der verschiedenen Protagonisten gegen die IS die identitären, klanischen und religiösen Fragen, die der Irak seit vielen Jahrzehnten zu lösen hätte, in den Hintergrund gestellt. Diese könnten jedoch nach dem Fall der IS wieder auftauchen.

Das Referendum für die Unabhängigkeit des Kurdistans steht gerade auf der Tagesordnung …

Die Konsequenzen dieser Abstimmung könnten tatsächlich auch das Verhältnis zwischen dem irakischen Zentralstaat und Kurdistan beeinflussen, das seit 1974 über eine Autonomie verfügt und im Laufe der Jahre im Kampf gegen die IS an Bedeutung gewonnen hat. Andere Volkskräfte, die die Rebellion gegen die IS initiiert haben, obwohl offiziell von der irakischen Behörde anerkannt und ausgerüstet, haben vielleicht andere Pläne als die Staatsmacht. Die Verteilung der Rollen an die Parteien, die das «Kalifat» bekämpft haben, wird grosse Anstrengungen, viel Zeit und diplomatische Verhandlungen erfordern.

Wie orientiert sich die Strategie von Tdh in diesem Umfeld?

Wir müssen einer doppelten Notwendigkeit gerecht werden: Wir müssen in der Lage sein, Nothilfe an den Frontlinien zu leisten, die immer isolierter und nicht leicht erreichbar sind und gleichzeitig in den noch sensiblen Notfallgebieten unterstützende Hilfe anbieten. Auch in strategischen Zonen, in denen sich Spannungen zwischen den beteiligen Parteien entwickeln könnten, gilt es präsent zu sein. Selbstverständlich ist es wichtig, die Bedürfnisse und die nötigen Hilfeleistungen rechtzeitig zu erkennen, damit wir den Vertriebenen, die wieder nach Hause zurückkehren und ihr neues Leben aufbauen wollen, Hilfe anbieten können. Viele Familien haben in diesem schrecklichen Konflikt alles verloren.


Stephan Richard, Verantwortlicher für Terre des hommes Projekte im Irak.

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Bildernachweis: ©Tdh