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16.01.2018 - Nachrichten

Kenia: Wenn das Zuhause kein sicherer Ort mehr ist

Im kenianischen Slum Korogocho lauern auf der Strasse manche Gefahren für Kinder, ein Grossteil der Dramen spielt sich aber im Rahmen der Haushalte ab und bleibt im Dunkeln. Terre des hommes (Tdh) hilft Kindern, die Opfer von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch sind, sich wieder zu fangen und in einem sicheren Umfeld aufzuwachsen.

Carys* Geschichte beginnt in einer der vielen Wellblechhütten von Korogocho in Nairobi. Mehr als 200‘000 Personen, 40 Prozent davon Kinder, leben hier dicht gedrängt auf 1,5 Quadratkilometern. Die Strassen gelten als gefährlich, doch dem 9-jährigen Mädchen fehlte es vor allem zu Hause an Sicherheit. «Mein Grossvater macht schlimme Sachen mit mir, während meine jüngere Schwester ihre Hausaufgaben macht. Ich habe Angst, dass er es auch mit ihr tut», vertraute Cary eines Tages ihrem Lehrer an, der bei Terre des hommes eine Schulung besucht hatte, um bei Kindern Anzeichen von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch zu erkennen. Als er bemerkte, dass sich Carys Verhalten veränderte, dass sie «in der Schule nicht mehr mitmachte und im Sport beim Laufen Mühe hatte», sorgte er sich um seine Schülerin. Er alarmierte die Polizei und Tdh; Cary und ihre Schwester wurden im Kinderhilfezentrum von Korogocho untergebracht.

Über 80 Prozent der Kinder Korogochos von Gewalt betroffen

Carys dramatisches Schicksal ähnelt dem vieler anderer Kinder, denen Tdh täglich bei ihrem Einsatz zum Schutz der Kinder begegnet. Wie dem 9-jährigen Tom*, dem seine Mutter schwere Brandwunden zufügte als Strafe dafür, dass er 100 Shilling (einen Franken) aus der Kasse der Verkaufsbude seiner Familie geklaut hatte. «Häusliche Gewalt ist in Kenia ein Dauerproblem», erklärt Marie Joron, Tdh-Delegierte in Nairobi. Ein Phänomen, das in Slums noch stärker auftritt: Mehr als 80 Prozent der Kinder in Korogocho sind von Gewalt betroffen.

Denn Cary wäre wohl nicht den Übergriffen ihres Grossvaters ausgesetzt gewesen, wäre da nicht die Armut gewesen. Diese hat ihre Mutter zur Prostitution gezwungen, um ihre Kinder zu ernähren. Sie verlor später ihr Leben. Nach dem Tod ihrer Mutter zogen die Kinder zu den Grosseltern. Carys Grossvater, von der Nachbarschaft gefürchtet, sorgte um sich herum für Stillschweigen.

Die Macht von Tabus

Das kleine Mädchen war in ihrer Not auf sich allein gestellt. Es schwieg aus Angst vor Vergeltung, aber auch wegen kultureller Tabus, die in Kenia viele Opfer von sexuellem Missbrauch mundtot machen. «Der kulturelle Aspekt spielt eine erhebliche Rolle. Die Gemeinschaft leugnet ganz einfach, dass ein Verwandter einen sexuellen Missbrauch begehen kann», beklagt Moge Hassan, Kinderschutzspezialist bei Tdh in Garissa, nahe der somalischen Grenze. «Dies ebnet den Tätern den Weg: Sie gelten niemals als verdächtig.»

Ein wiederkehrendes Thema im Kinderschutzzentrum von Garissa, das Tdh und Unicef gemeinsam führen: Fast ein Drittel der unterstützten Kinder hat häusliche Gewalt erlitten mit Folgen wie Schwangerschaft, genitale Verstümmelungen oder Schulabbruch. Die Kinder haben keine andere Wahl, als von zu Hause wegzulaufen. Sie finden sich allein auf der Strasse wieder, wo sie riskieren, ausgebeutet zu werden, sei es durch Arbeit auf den Müllhalden oder in der Prostitution.

Traumata überwinden

Tdh bietet Kindern, die Opfer von Misshandlung werden, medizinische Unterstützung und hilft ihnen im Schutzzentrum von Garissa und in Korogocho, sich von ihren seelischen Verletzungen zu erholen. Die Teams sind auch mit den Eltern der betroffenen Kindern in Kontakt.

Zudem schulen wir die Gemeinschaften im Kinderschutz und unterstützen einige Haushalte finanziell, damit sie ihre dringendsten Bedürfnisse sicherstellen können. «Wird uns ein Fall gemeldet, besuchen wir die Familie, um die Ursachen der Misshandlung und Gegenmassnahmen zu identifizieren», erklärt Joyce Wamaitha Kiarie, Psychologin von Tdh. «Wenn immer möglich versuchen wir, eine Rückkehr der Kinder in ihr familiäres Umfeld zu ermöglichen», fährt sie fort.

Cary möchte Krankenschwester werden, «um anderen Kindern zu helfen». Sie erhält regelmässig Besuch von Sozialarbeitern von Tdh, die grosse Fortschritte feststellen. Sie freut sich, Ende des Schuljahres zu ihrer kleinen Schwester zu ziehen, die bei einer Tante platziert wurde. In der Zwischenzeit blüht Cary im schützenden Umfeld des Hilfezentrums auf und kann wieder Kind sein.

„Die Kinder verharren allzu oft in Schweigen“

Joyce Wamaitha Kiarie, Psychologin von Tdh in Korogocho

Zum vollständigen Erfahrungsbericht

Bildernachweis: ©Tdh/Natalia Jidovanu

*Zum Schutz der Privatsphäre wurden die Namen aller Kinder geändert.

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