08.11.2018 - Nachrichten

Kinder – Geiseln eines vergessenen Konflikts in der Ukraine

Der Konflikt in der Ukraine, der seit 2014 mehr als 10'000 Opfer gefordert hat, macht keine Schlagzeilen mehr. Der Friedensprozess scheint an einem toten Punkt angelangt zu sein, und die vielen Versuche, eine Einigung zwischen bewaffnete Gruppierungen und Regierung zu erzielen, sind gescheitert. Auf der Flucht vor Gewalt und Auseinandersetzungen wurden 1,5 Millionen Menschen in andere Regionen der Ukraine vertrieben, Hunderttausende sind nach Russland gegangen. Wir haben eine Kleinstadt nahe der Frontlinie besucht, wo Tdh Kindern ein paar unbeschwerte Momente ermöglicht.

In den Oblasten Luhansk und Donezk, die zusammen die Region Donbass bilden, haben die bewaffnete Gruppierungen die Kontrolle über einen Teil des Gebiets übernommen und bekämpfen sich entlang der Kontaktlinie, die die Zone begrenzt, mit der ukrainischen Armee. Eine Geisterstadt, beschädigte Gebäude, verbarrikadierte Fenster – wir befinden uns in der Ortschaft Zolote weniger als zwei Kilometer von der Kampflinie entfernt. Die Streitkräfte sind allgegenwärtig und es kommt regelmässig zu Kontrollen. Die verbleibenden Familien leben in ständiger Angst und horchen beim geringsten Schuss- oder Explosionsgeräusch auf. Ein Gefühl, das sie mehr schlecht als recht vor ihren Kindern zu verbergen suchen, oft umsonst. Auf der Hut sein und ein normales Leben führen: ein Gleichgewicht, das nahezu unerreichbar ist. „Am Anfang haben wir schnell reagiert, wenn es einen Alarm gab. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich an die Anspannung und man weiss nicht mehr, was im Notfall zu tun ist. Soll man sich im Inneren des Hauses verbarrikadieren oder in den Garten hinauslaufen?“, erzählt uns eine Mutter von Schulkindern.

In Zolote gibt es überall Zeichen und Stigmata des Krieges, selbst in der Schule. An den Fenstern befestigte Schutzplatten erlauben, «Kollateralschäden» zu verhindern. Mit anderen Worten, sie schützen die Kinder vor Fehlschüssen und Munitionssplittern. Die Fensterscheiben sind mit einer durchsichtigen Folie beklebt, damit das Glas nicht splittert. „Wenn ich in der Nacht Kampfgeräusche höre, halt ich mir die Ohren zu und warte, bis es vorbei ist“, meint eine der sechsjährigen Schülerinnen. Ein paar Tage zuvor hatte ein betrunkener Soldat die Kinder auf dem Spielplatz mit seinem Gewehr bedroht.


Primarshule in Zolote, Ukraine

Der Konflikt schwebt wie ein Damoklesschwert über ihren Köpfen. Wie ihre Eltern versuchen sie, sich irgendwie an die Situation zu gewöhnen, ohne immer zu verstehen, was geschieht. „Wenn ich Angst habe, probiere ich an etwas anderes zu denken“, erklärt uns ein kleiner Junge. Der Konflikt hat sie viel zu früh zu Erwachsenen gemacht“, fügt seine Mutter an.

In der kleinen Schule von Zolote erfüllen Schreie und Gelächter den von Tdh eingerichteten Raum. Bunte Sitzkissen, Turnmatten, Bücher, Baukastenspiele – diese Welt gehört ihnen. Die Kinder lieben die hier verbrachten Momente. „In den Ferien freuen sie sich auf die Schule, um hierher spielen zu kommen“, erzählt uns eine Mutter.

Nach einem Moment des freien Spiels versammelt die Lehrerin die Kinder zu einer Gemeinschaftsaktivität. Die verschiedenen Etappen entsprechen der von uns vorgeschlagenen Methode. Ältere Kinder wirken bei der Spielbetreuung mit, damit sie ihr Verantwortungsgefühl entwickeln können. Heute wird die Übung in Paaren durchgeführt. Das eine Kind übernimmt mit verbundenen Augen die Rolle der blinden Babushka (Grossmutter), die einen Wald (Hindernisparcours) durchqueren muss und dabei von seinem Kameraden, dem Enkelkind, geführt wird. Sie üben so das Zusammenarbeiten und das gegenseitige Vertrauen. „Hier fühlen sich die Kinder wohl. Es ist der einzige Ort, wo sie Zugang zu altersgerechten Spielen haben. Es ist wirklich eine unentbehrliche Hilfe“, meint die Lehrerin zum Schluss.


Kinder spielen das Babushka-Spiel.

Um diese Kinder im Alltag zu unterstützen und ihnen bei der Überwindung ihrer Traumata zu helfen, richtet Terre des hommes ihnen vorbehaltene, speziell ausgestattete Räume ein, wo sie sich amüsieren und sich in Sicherheit fühlen können. In mehr als 100 Schulen und ausserschulischen Einrichtungen nahe der Frontlinie haben wir Gesellschaftsspiele, pädagogisches Material und geeignete Sportgeräte bereitgestellt. Unser Team schult zudem die Lehrpersonen für die Durchführung von Aktivitäten, die das Zusammenarbeiten, den Dialog und den gegenseitigen Respekt fördern.

 

Bildernachweis: © Tdh/Isabel Zbinden