17.04.2012 - Nachrichten

Mosambik: Ein Kampf für Kinder

Jaime Dambo ist «psychosozialer Supervisor» im Kinderzentrum von Terre des hommes in Beira, Mosambik. In diesem von Kriegen und extremer Armut erschütterten Land ist der Überlebenskampf für viele Bewohner, vor allem auf dem Land, die einzige, sie ständig beschäftigende Aufgabe. Jaime berichtet vom «Challenge» für Terre des hommes, an die Solidarität eines Teils der Bevölkerung zu appellieren, damit Kinder wieder den ihnen gebührenden Platz erhalten und ihre Eltern ihnen diesen – in Mosambik sehr teuren – Platz bieten können.

Kannst du uns die Situation der Kinder in Mosambik beschreiben?

Jaime Dambo: Um die Situation der Kinder steht es hier seit langem schlecht. Wir haben zwei grosse Kriege erlebt: Zuerst kämpften wir für unsere Freiheit, das heisst die Unabhängigkeit. Dann hatten wir unter einem grossen Bürgerkrieg zu leiden. Kinder und Erwachsene lebten unter katastrophalen Bedingungen. Die Menschen waren äusserst arm und sehr viele von ihnen Analphabeten. Ich erinnere mich an meinen Vater und viele andere. Sie hatten von Kindesbeinen an gearbeitet, um überleben zu können. Aufgrund des politischen Kontextes erhielt niemand Hilfe.

Diese Zustände hielten so lange an, bis die Regierung 1992 mit den Rebellen einen Friedensvertrag abschloss. Dann kam die internationale Hilfe und verteilte viel Nahrungsmittel, Kleidung usw. Zahlreiche Organisationen kümmerten sich um Kinder, die den Krieg erlebt hatten und zusehen mussten, wie ihre Mutter oder ihr Vater getötet wurden. Doch als die «Notsituation» vorüber war, verliessen die meisten Organisationen das Land wieder, ohne diesen Menschen eine Zukunftsperspektive geboten zu haben, obwohl wir doch so dringend Entwicklungsprojekte brauchten, um langfristig überleben zu können. Hinzu kam noch die schlimme, durch Kriege und Bevölkerungsbewegungen verursachte Aidsepidemie. Hauptsächlich junge Menschen waren betroffen. Andererseits wurden Kriegswaisen ihren Grosseltern oder anderen Verwandten anvertraut, die zu arm waren, um für ihren Unterhalt aufzukommen.

Selbst als wieder Frieden herrschte, mussten Kinder und Jugendliche weiterhin sehr früh arbeiten und konnten noch immer nicht zur Schule gehen. Das Problem besteht fort, denn sie haben jetzt, wo sie alle grösser geworden sind, nichts anderes als den Kampf ums Überleben gelernt. Niemand hat sie beschützt, niemand hat sich um sie und ihre Rechte gekümmert. Deshalb haben Kinder in Mosambik auch heute noch keine Rechte. Man sieht es überall: Sie leben wie Erwachsene. Das Gute an unserem Zentrum ist, dass sie hier Kind sein, spielen und lachen können. Doch sobald sie zu Hause sind, müssen viele wieder ihre Pflichten übernehmen. Die Mädchen werden zum Beispiel wieder zu «Frauen». Es ist sehr schwierig, in diesem Kontext zu arbeiten, doch ist es ein Challenge, dem sich Terre des hommes stellen will.

Was tut ihr, um unter diesen Umständen arbeiten zu können?

JD: Bei Terre des hommes hatte man den Kontext genau untersucht, bevor die Arbeit in Mosambik in Angriff genommen wurde. Ein Hauptproblem ist, dass wegen der Kriege, Bevölkerungsbewegungen und Krankheiten die Gemeinschaften auseinandergebrochen und die Menschen sehr viel individualistischer geworden sind. Tdh arbeitet deshalb vor allem mit der Gemeinschaft: Wir versuchen, sie solidarischer zu machen und ihr Verantwortungsbewusstsein für die eigene Zukunft und die ihrer Kinder zu wecken.

Wir gehen auf die Menschen zu und versuchen, den Kinderschutz mit der jeweiligen Kultur in Einklang zu bringen: zu zeigen, dass es für die Sicherung des eigenen Lebens und desjenigen des Kindes viel vorteilhafter ist, wenn es korrekt aufwachsen und sich entwickeln kann und noch nicht das Leben eines Erwachsenen führen muss. Das Kind muss in den Augen der Gesellschaft wieder den ihm gebührenden Platz erhalten, wir können ihr diesen aber nicht mit unserem «Know-how», das heisst einer anderen Kultur aufzwingen. Wir müssen uns der jeweiligen Kultur anpassen können. Das ist eine langwierige Arbeit und bedeutet viele Diskussionen zu den Erwartungen, Bedürfnissen und Fähigkeiten der Betroffnen, auf die Probleme eines Kindes einzugehen – ob es nun den ganzen Tag auf dem Feld verbringt oder regelmässig von zu Hause abhaut.

Auch lokale Organisationen werden miteinbezogen, die dafür sorgen müssen, dass der Kinderschutz umgesetzt wird. Es ist immer noch eine sehr schwierige und komplexe Aufgabe, lokale Organisationen zu finden, zu motivieren, zu verstehen und auszubilden. Es ist für Terre des hommes und mich als Person eine grosse Herausforderung, diesen Organisationen vertrauen zu können. Ich bin klar der Meinung, dass dies möglich ist, man muss aber vorsichtig sein. Denn es gibt so viele verschiedene Organisationen mit ganz unterschiedlichen Absichten. Wir müssen sicherstellen, dass ihre Zielsetzungen mit den unsrigen übereinstimmen und dies auch in Zukunft so sein wird. Wir verwenden viel Zeit darauf, sie auszubilden und in ihrer Arbeit zu begleiten.

Hast du bereits von den Gemeinschaften herbeigeführte Veränderungen beobachtet?

JD: Leider kann man nicht alle Menschen ändern. Wir müssen kleine Fortschritte erzielen. In einer Gruppe von zehn Erwachsenen werden vielleicht einer oder zwei verstehen und gutheissen, worum es geht. Diese eine oder zwei Personen werden sich aber an unserem Projekt beteiligen und anderen wiederholen, was sie gelernt haben, und so geht es immer weiter.

Terre des hommes führt in mehreren abgelegenen Gebieten Projekte und bindet die betroffenen Gemeinschaften als Ganzes ein. Im Zentrum von Beira, wo ich bin, arbeiten wir in erster Linie mit den Kindern. Was mir bei Tdh gefällt, ist das völlige Neue unserer psychosozialen Arbeit: Wir helfen Kindern, sich zu ihren Ängsten, Schwierigkeiten und Erwartungen zu äussern, indem wir ihnen zuhören und sie mit Hilfe verschiedener Aktivitäten wie Zeichnen, Theater und Sport zum Sprechen bringen. Dann setzen wir uns mit ihren Familien zusammen und helfen ihnen, die Mittel zu finden, um ihre Kinder unter den bestmöglichen Bedingungen aufzuziehen. Dabei binden wir immer die gesamte Gemeinschaft ein und appellieren an ihre Solidarität, damit wir gegen die Armut angehen können, die uns so sehr zu schaffen macht.

“Weitere Informationen zu den Aktionen von Terre des hommes in Mosambik”:/de/countries/mosambik