20.09.2011 - Nachrichten

Myanmar: Ein Baby findet in die Arme seiner Mutter zurück

Yee Yee ist erst zweieinhalb Jahre alt und hat bereits Unglaubliches erlebt. Während 17 Monaten wurde sie von Arm zu Arm gereicht und fünf verschiedenen Frauen und Mädchen anvertraut, bis sie schliesslich mit einer von ihnen im Gefängnis landete. Terre des hommes hat aussergewöhnliche Ermittlungen angestellt und konnte die Kleine am vergangenen 23. August mit ihrer grösseren Schwester, dem älteren Bruder und ihrer Mutter zusammenführen.

Yee Yee ist die kleinste Tochter von Daw Hlaing Hlaing, einer 30-jährigen Frau, die Anfang 2010 mit ihren drei Kindern allein lebte. Ihr erster Ehemann hatte sie verlassen, der zweite war infolge von Depressionen zur eigenen Mutter zurückgekehrt. In ihrer Hilflosigkeit gelang es der jungen Frau nicht mehr, den Kindern genügend zu essen zu geben, sie in der Schule anzumelden und ihnen ein kindgerechtes Leben zu bieten. Im April 2010 beschloss sie deshalb, ihre beiden Töchter Yee Yee (1 Jahr) und Thin Thin (11 ans) einer ihrer Schwestern anzuvertrauen und den Sohn Kyaw Ko Tun (5 Jahre) einer anderen Schwester. Daw Hlaing Hlaing reiste dann ins Grenzgebiet zu China, um dort Arbeit als Serviererin zu suchen. Sie landete im Milieu der Massagesalons – mit anderen Worten in der sexuellen Ausbeutung. So konnte sie ihren beiden Schwestern 300.- Kyat (CHF 35.-) im Monat senden, damit sie sich um die Kinder kümmerten. Als sie im Januar 2011 zurückkam, waren ihre beiden Töchter verschwunden. Nur der Sohn war noch da, um den sich die eine Schwester gut kümmerte und ihn sogar in der Schule angemeldet hatte. Verschiedenen Aussagen zufolge hatte die andere Tante die beiden Mädchen geschlagen und zur Bettelei gezwungen. Die Mutter hatte bald in Erfahrung gebracht, dass Thin Thin mit ihrer kleinen Schwester vergangenen Sommer die Flucht ergriffen hatte.

Daw Hlaing Hlaing blieb zunächst in Rangun, in der Hoffnung, ihre Töchter wiederzufinden, hatte aber nicht die Mittel, die Suche nach ihnen aufzunehmen. So liess sie ihren Sohn bei der zweiten Schwester zurück und arbeitete während zwei Monaten in einer Kleiderfabrik, bevor sie in einen Massagesalon im Norden zurückkehrte, wo der Lohn um einiges höher war. In zwei, drei Monaten hatte sie 1000 Kyat (CHF 120.-) gespart und die Hälfte ihrer Schwester geschickt, damit sie sich um den Sohn kümmern konnte.

Ihre beiden Mädchen befanden sich damals seit Juli 2010 auf der Strasse. Das ältere der beiden, Thin Thin, war zwei Monate später von der Polizei aufgegriffen und in einem staatlichen Erziehungszentrum – einer Haftanstalt für ausgesetzte Kinder und Strassenkinder – platziert worden. In der Hast hatte sie die kleine Schwester einem anderen Mädchen, Aye San, anvertraut, das ebenfalls auf der Strasse arbeitete. Dieses Mädchen hatte Yee Yee bald einer älteren Frau überlassen, die mit einer Gruppe Bettler am Bahnhof von Rangun lebte. Auch diese Frau wurde verhaftet. Sie überliess Yee Yee einer weiteren Bettlerin, die Anfang August 2011 ins Gefängnis kam, weil sie mit dem Kind gebettelt hatte.

Auf der Suche nach dem Baby

Ein Sozialarbeiter von Terre des hommes suchte mittlerweile nach der kleinen Yee Yee. Er hatte ihre ältere Schwester im Rahmen eines Hilfs- und Schutzprogramms kennengelernt, das er in der Erziehungsanstalt durchführte, in der Thin Thin war. Es gelang ihm schliesslich, das andere Strassenmädchen, Aye San, ausfindig zu machen, das ihn an die Frau verwies, der es die Kleine anvertraut hatte. Er konnte auch Daw Hlaing Hlaing, die Mutter der Kinder, im Norden von Rangun finden. Mehrere Personen, die um Yee Yees Schicksal besorgt waren, informierten den Tdh-Mitarbeiter, dass die letzte Frau, mit der das Kind gesehen worden war, inzwischen von der Polizei verhaftet worden sei.

Das gesamte Tdh-Team setzte nun alle Hebel in Bewegung: Besuch der Polizeikommissariate in der Region und Hilfsgesuch an das örtliche Gericht. Ein Polizist konnte die fragliche Frau identifizieren und mitteilen, dass sie zu 15 Tagen Haft im Gefängnis Insein verurteilt worden war. Dem Polizist zufolge hatte sie ein kleines Mädchen bei sich. Es galt nun sicherzustellen, dass es sich bei diesem Mädchen um Yee Yee handelte. In Begleitung des Tdh-Mitarbeiters, der sich um den Fall kümmerte, und eines Behördenvertreters besuchte Daw Hlaing Hlaing mit zwei Zeuginnen das Gefängnis, die Yee Yee eindeutig würden identifizieren können: deren ältere Schwester Thin Thin und Aye San.

Doch trotz aller Anstrengungen wurde ihnen der Zugang zum Gefängnis und somit die Identifizierung von Yee Yee verwehrt. Tdh wandte sich an mehrere höhere Instanzen, um eine Besuchserlaubnis zu erwirken. Gleichzeitig bekam die Mutter der Kleinen finanzielle und moralische Unterstützung, um die Wartezeit zu überbrücken.

Am 23. August 2011 war es dann soweit: Mutter und Tochter begegneten sich vor den Gefängnistoren. Es war der Tag, an dem die Frau, die das Kind bei sich hatte, entlassen wurde. Sie übergab die kleine Yee Yee in Anwesenheit ihres Bewährungshelfers friedlich und ohne geringste Schwierigkeiten der Mutter.

Weiterführende Arbeit für die ganze Familie

Heute untersucht das Tdh-Team, wie dieser Familie am besten geholfen werden kann, damit die Mutter nicht mehr gezwungen ist, die Kinder allein zu lassen, wenn sie anderswo nach einem Einkommen sucht, insbesondere im Milieu der sexuellen Ausbeutung. Im Augenblick ist nichts über die Väter der Kinder bekannt.

Yee Yee erhält nun von Tdh Unterstützung, damit sie wieder im Kreise ihrer Familie leben kann, nachdem sie 17 Monate von ihr getrennt war. Man wird versuchen, diese Zeit zu rekonstruieren, um herauszufinden, ob irgendwelche Formen von Gewalt ihre körperliche, emotionale und psychologische Entwicklung behindert haben (Auswirkungen auf die Gesundheit, Nahrungsmittelmangel, Drogenkonsum, körperliche, moralische oder sexuelle Gewalt).

Tdh hilft der Mutter auch bei der Suche nach einem Zuhause und hat ihr bereits eine Arbeit als Haushaltshilfe in einer vertrauenswürdigen Familie vermittelt. Sobald Mutter und Tochter wieder zueinander gefunden haben, wird Yee Yee tagsüber in einem Kinderhort betreut werden. Ihre Schwester Thin Thin kann im September die Erziehungsanstalt verlassen, um mit ihrer Mutter ins neue Haus zu ziehen. Ihr Bruder Kyaw Ko Tun bleibt momentan bei seiner Tante, um ihn nicht mit zu vielen Veränderungen zu belasten. Er besucht weiterhin die Schule und wird nach regelmässigen Besuchen schrittweise wieder in die eigene Familie integriert.

Rob Millman, der Delegierte von Terre des hommes in Myanmar, erklärt: «Wir werden unser Bestes geben, um das Wohlergehen dieser drei Kinder zu gewährleisten. Die grösste Herausforderung für die Mutter wird sein, sich ihre Kraft und Widerstandsfähigkeit zu bewahren, die sie seit der Wiedervereinigung mit ihren Kindern erlangt hat. Nachdem die ganze Familie medizinisch untersucht worden ist, wissen wir jetzt, dass die kleine Yee Yee eine Sprachbehinderung hat, die behandelt werden muss. Sie leidet entweder an einer angeborenen Missbildung der Zunge oder (was wahrscheinlicher ist) eine der Frauen, die sie zum Betteln brauchte, hatte ihr die Zungenspitze abgeschnitten. Diese Familie hat noch einen langen Weg der Besserung vor sich.»

“Weitere Informationen zu den Aktionen von Terre des hommes in Myanmar”:/de/countries/myanmar

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