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Die Pandemie bedroht gefährdete Familien.
13.07.2011 - Nachrichten

Nepal: „Es ist besser, am Fluss zu sitzen, als ein Vogel im Käfig zu sein“

Von unserem Delegierten in Nepal, Joseph Aguettant

Eine neue Veröffentlichung beleuchtet neue Wege, Familien in ländlichen Gemeinden bei der Betreuung ihrer Kinder zu unterstützen, anstatt sie in Einrichtungen wie Waisenhäuser oder Kinderheime (im Allgemeinen in Stadtgebieten) abzuschieben.

Die Nachricht schlug wie eine Bombe in der Welt des Kinderschutzes ein: Naxal’s Bal Mandir, das älteste Waisenhaus Nepals, ist von einer australischen NGO übernommen worden. Nach monatelangen Verhandlungen zwischen der Nepalesischen Kinderorganisation und der Stiftung Mitrataa ist die Leitung der grössten Einrichtung des Landes, die gegenwärtig 250 Kinder beherbergt, ab dem 1. Mai 2011 für fünf Jahre einer ausländischen Gesellschaft anvertraut worden. Freiwillige Helfer haben die Kinder in dramatischen Situationen vorgefunden, manche von ihnen litten unter akuter Mangelernährung. Aufgrund fehlender Mittel waren die Kinder nicht eingeschult worden. Aber für alle, welche das alte Bal Mandir kannten, ist das keine Überraschung.

Ein Wechsel des Eigentümers des Bal Mandir wirft eine Reihe von Fragen auf: Sind alle diese Kinder Waisen? Müssen sie wirklich institutionalisiert werden? Kann die Aussicht auf eine „gute Erziehung“ das Trauma der Trennung von der Familie wettmachen? Gibt es Lösungen, damit die Kinder in ihrer Familie bleiben? Können entsprechende Lösungen in den Gemeinden umgesetzt werden? Warum erhält Nepal diese Art von Einrichtungen aufrecht, während der Rest der Welt dabei ist, sie zu schliessen?

Bei lebendigem Leibe verbrannt

In den letzten Tagen haben uns mehrere betrübliche Ereignisse an den Ernst der Situation erinnert. Anfang Juni hat ein Augenzeuge berichtet, dass die leitende Erzieherin in einem Waisenhaus in Katmandu Kinder folterte, um sie zu „disziplinieren“. Man hatte gesehen, wie sie das Wachs einer Kerze über einem 10-jährigen Mädchen ausgoss, um es dafür zu bestrafen, dass es seine Hose eingenässt hatte. Und das war leider kein Einzelfall.

In einer anderen Einrichtung war die Situation noch schlimmer (ja sogar alptraumhaft). Gemäss den Aussagen eines Beamten der zentralen nepalesischen Adoptionsbehörde war eines der Heime „weit unter der Norm“. Diese Einrichtung ist am 20. März 2011 geschlossen und die Kinder sind aus dieser Hölle befreit worden. Insgesamt 21 Kinder waren ohne Trennung zwischen Mädchen und Buben in ein einziges Zimmer gepfercht worden. Sie erhielten keine regelmässigen Mahlzeiten, lebten in verwahrlosten Verhältnissen und ihre Identitätspapiere waren gefälscht. Aber das Schlimmste kommt noch: Der Direktor schlug die Kinder regelmässig mit einer Metallstange. Ein Kind ist gestorben, ein weiteres ist verschwunden. Zur Bestrafung ist ein kleines Mädchen mit einem Stock und Brennnesseln geschlagen und zwei Wochen lang isoliert eingesperrt worden (auf der Terrasse). Der Direktor gab ihr nicht genügend Nahrung. Die Kinder haben versucht, ihr etwas zu essen zu bringen, wenn sie konnten. Das Mädchen ist von einem Besucher ins Spital gebracht worden und dort am gleichen Tag gestorben. Ihr Name war Sangita. Die Kinder, die überlebt haben, sind traumatisiert und das Schreckliche, dass sie in diesem Heim erlebt haben, verursacht noch immer Alpträume. Sie träumen, dass der Direktor zurückkommt, sie nach Pashupati bringt und bei lebendigem Leibe verbrennt. Die Kinder erzählen, dass dies vor einigen Jahren mit einem kranken Kind geschehen ist, weil das Heim ihm keine medizinische Behandlung bieten konnte.

Ebenso ist in einem Heim in Jorpati ein 12-jähriges Mädchen auf mysteriöse Weise gestorben. Es stellte sich heraus, dass seine Eltern sehr wohl am Leben waren, obwohl es als Waise registriert worden war. Aufgrund eines Schreibens eines erfundenen Entwicklungskomitees des Dorfes, das bestätigte, dass sie keinen Vater mehr habe, war sie fünf Jahre zuvor ins Heim gebracht worden. Das Waisenhaus wurde illegal betrieben.

In ein anderes Waisenhaus ist nachts ein junger Mann eingedrungen und hat junge Mädchen mit Hör- und Sprachstörungen brutal misshandelt. Glücklicherweise konnten sie das Waisenhauspersonal durch lautes Klopfen auf ihre Betten alarmieren.

Alle diese Fälle sind symptomatisch für ein grösseres Problem. Man schätzt, dass überall in Nepal mindestens 4’000 Kinder in heruntergekommenen Einrichtungen leben. Im Hinblick auf Anzahl und Schwere der Verletzungen der Rechte des Kindes haben wir es mit einer erheblichen Kinderschutzkrise zu tun. Laut Schätzungen von Terre des hommes belief sich die Zahl der in Heimen im ganzen Land untergebrachten Kinder 2008 auf 15’000. Es gibt mindestens 440 private Einrichtungen, die zum grossen Teil von Geschäftsleuten als Nebentätigkeit betrieben werden. Laut der zentralen Adoptionsbehörde hat sich diese offizielle Zahl nicht verändert. Um sich eine wahres Bild vom Ausmass der Institutionalisierung zu machen, muss man jedoch die illegalen Einrichtungen, die Internate, die konfessionellen Einrichtungen sowie die „Besserungsanstalten“ hinzurechnen. Die Institutionalisierungsrate ist in Katmandu höher als in Kambodscha (193 pro 100’000 Kinder im Alter von 0 bis 17 Jahren) oder sogar als in China (27). Eine grosse Anzahl nicht gesetzlich geregelter Waisenhäuser sind das Rezept für das Desaster der Kinder, aber auch der Gesellschaft.

„Die Tragödie der verlorenen Kindheit tut uns leid“

„Wir sind heute zusammengekommen, um uns im Namen unserer Nation zu entschuldigen, um zu sagen […], dass es uns leid tut. Es tut uns leid, dass Kinder aus ihren Familien gerissen und in Heimen untergebracht wurden, in denen sie häufig Misshandlungen erlitten haben. Wir sind tief betrübt über die körperlichen Leiden, den Mangel an Zuwendung, die Kälte und das Fehlen von Liebe, Zärtlichkeit und Pflege. Tief betrübt angesichts der absoluten Tragödie der verlorenen Kindheiten.“ Diese Worte der Reue sprach 2009 der australische Ministerpräsident. Hr. Rudd entschuldigte sich im Namen seiner Nation bei Tausenden von Kindern, die in Australien von ihrer Familie getrennt und institutionalisiert worden waren. Viele Kinder waren in religiösen Einrichtungen untergebracht worden und litten dort unter Misshandlungen und Vernachlässigung. Diese Heime zogen auch Pädophile an: Zahlreiche Kinder berichteten, dass sie sexuell missbraucht wurden. Andere haben ihr armseliges Leben beschrieben, die Geburtstage und Feste, die sie alleine und ohne jeden Beweis von Zuneigung verbrachten.

Wir glauben daran, dass eines Tages auch der Staat Nepal das Leid der Kinder, die in solchen Einrichtungen leben, anerkennen wird. Wir, die Verteidiger der Rechte der Kinder, bedauern zutiefst die Tragödie der verlorenen Kindheit. Wir blicken zu Ländern auf wie Australien und viele andere, die innerhalb weniger Jahrzehnte die Situation vollkommen umgekehrt haben, um uns zu helfen. Australien hat alle seine Waisenhäuser geschlossen. Es gibt keine Waisen mehr im Land, nur Kinder, die auf nationaler Ebene in Jugendwohnheimen untergebracht oder adoptiert werden. Wir haben Hoffnung. Noch vor weniger als einem Jahr wurden die Risiken, die mit der Institutionalisierung der Kinder verbunden sind, von Nepal praktisch nicht anerkannt. Der nationale Aktionsplan für die Kinder 2005-2015 erklärte offen „die Förderung von Kinderheimen“ und empfahl eine „Erhöhung der Anzahl der Waisenhäuser“.

Heute hat sich die Situation geändert. Diese Einrichtungen sind nicht mehr immun, nur weil sie unter dem Schutz der Königinmutter oder einiger Politiker stehen. Das Projekt von Terre des hommes hat 41 Pflegefamilien in den vier Distrikten der Midwest-Region gefunden und vorbereitet und ihnen 27 Kinder anvertraut. In den kommenden Jahren werden solche Unterbringungen sehr viel häufiger sein und in immer mehr Distrikten stattfinden.

Seit jeher besteht der bevorzugte Weg, Waisen zu versorgen und zu schützen darin, dass man sie ihrer erweiterten Familie anvertraut. Die Versorgung durch die Verwandtschaft ist und bleibt eine der primären Antworten, die gestärkt und gesichert werden muss. Die Herausforderung ist es sicherzustellen, dass diese Wahl im besten Interesse des Kindes erfolgt und dass diese Form der Versorgung gleichzeitig dazu beiträgt, Kinderarbeit zu eliminieren.

Wenn man sich der Bedürfnisse bewusst ist, werden Energie und Ressourcen folgen. Die Deinstitutionalisierung ist ein komplexer Prozess, der eine Menge Ressourcen erfordert – Ressourcen, von denen das ganze Land profitieren kann. Es geht nicht nur darum, das auszurotten, was besteht, sondern es bedarf eines bewussten Kraftaufwands, um moderne und effiziente Dienstleistungen zur Betreuung von Kindern aufzubauen.
Wahrscheinlich ist es nicht komplizierter, die Deinstitutionalisierung durchzuführen als dieses Wort aus 23 Buchstaben auszusprechen. Alle, die sich in diesem Prozess engagieren, wissen wie mühselig und schwierig diese Aufgabe ist. Aber das Konzept ist einfach. Es geht im Wesentlichen darum, Bestehendes weiterzuentwickeln. Es geht darum, andere Formen der Betreuung zu unterstützen und einen Mechanismus zur Kontrolle des Zugangs zu dieser Versorgung einzurichten. Es geht darum, in kompetentes und einfühlsames Personal zu investieren, das kein Problem unbehandelt lassen und alles daran setzen wird, damit die Kinder in ihre Familie zurückkehren können bzw. eine alternative Betreuung gefunden wird, die im Rahmen der Familie bleibt.

Einige Personen oder Organisationen haben bereits einen gewissen Vorsprung: Tdh, Hope for Himalayan Kids, Next Generation Nepal, The Himalayan Innovative Society und die Fondation Umbrella. Äusserst ermunternd ist die Tatsache, dass die Deinstitutionalisierung in den Themenkreis der Gespräche mit der Regierung und insbesondere mit der zentralen nepalesischen Adoptionsbehörde und dem Ministerium für Frauen, Kinder und soziales Wohlbefinden aufgenommen wurde. Der nationale Aktionsplan für die Kinder ist geändert worden. Mehrere Organisationen haben sich an Tdh gewandt und um Hilfe sowie die Bildung informeller Arbeitsgruppen gebeten. Tdh hat daraufhin eine Liste von Organisationen erstellt, welche die Bewahrung der Familie, alternative familiale Betreuung und die Deinstitutionalisierung fördern. (Wenn Sie glauben, dass Sie auf dieser Liste stehen sollten, wenden Sie sich bitte an: nawjeet@tdhnepal.org)

Eine neue Ressource könnte von Nutzen sein: Tdh hat gemeinsam mit der Organisation „Hope for Himalayan Kids“ einen praktischen Leitfaden herausgeben, der die Methoden zur Reduzierung der Zahl der in Institutionen untergebrachten Kinder und zur Förderung des Aufwachsens in der Familie darlegt. H.E. Thomas Gass, der Botschafter der Schweiz in Nepal, hat diese Veröffentlichung mit dem Titel „10 Schritte zur Deinstitutionalisierung“ in Gegenwart von weiteren Botschaftern und Mitgliedern diplomatischer Missionen, Vertretern der nepalesischen Regierung, von UNICEF und humanitären Organisationen, die für institutionalisierte Kinder arbeiten, vorgestellt. Die Hauptautorin dieses Leitfadens ist die Sozialarbeiterin Deborah MacArthur, die von Aruna Khadka, einer Pionierin auf dem Gebiet der Deinstitutionalisierung, unterstützt wurde. Die Grundphilosophie dieses Dokuments lautet, dass die Rechte (und wichtigsten Interessen) der Kinder vorrangig in der Familie und nicht in Institutionen erfüllt werden müssen.

Ein Humli Sprichwort fasst dies alles zusammen: „Es ist besser, am Fluss zu sitzen, als ein Vogel im Käfig zu sein“. Wir hoffen, dass es immer weniger von diesen Käfigen geben wird, dass viele Vögel ihnen entfliehen können und dass vor allem die kleinen Vögel im Schoss ihrer Familie das Fliegen lernen dürfen.

Den Leitfaden „10 Schritte zur Deinstitutionalisierung“ herunterladen

Weitere Informationen zu den Aktionen von Terre des hommes in Nepal

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