COVID-19
Die Pandemie bedroht gefährdete Familien.
20.03.2020 - Nachrichten

Nigeria: Kind sein inmitten der Krise

Durch Boko Haram verübte Anschläge haben in Nigeria mehr als zwei Millionen Personen entwurzelt, 80 Prozent davon sind Frauen und Kinder. Die vertriebenen Menschen sind seit Jahren auf humanitäre Hilfe angewiesen. Terre des hommes bemüht sich um die Wiedereingliederung der Kinder ins öffentliche Schulsystem und verbessert in Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften den Zugang der Familien zur Grundversorgung.

Die Krise in Nigeria begann 2009, als Boko Haram – was so viel wie «Nein zur westlichen Bildung» bedeutet – den Kampf gegen die Regierung aufnahm. Ein Jahrzehnt später dauert der Aufruhr immer noch an. Die bewaffnete Gruppe hat sich in zwei Teile gespalten, von denen einer dem Islamischen Staat angehört. Die Mitglieder beider Gruppen haben seither ihren Einfluss auf einen grossen Teil des Bundesstaates Borno im Norden Nigerias ausgedehnt. Die Bevölkerung wird mitten in den Dörfern angegriffen, Kinder werden entführt, ihre Eltern getötet oder rekrutiert.

«Eines Tages sassen wir zu Hause, als wir Schüsse hörten. Die Leute sagten uns, dass Boko Haram Mädchen entführt. Deshalb entschied mein Vater, fortzugehen. Wir waren drei Tage unterwegs», erklärt die 15-jährige Fara*. «Wir flohen durch die Büsche, trugen die Kinder auf dem Rücken oder hielten sie bei der Hand. Wir stiessen auf Soldaten, die uns gerettet haben», erinnert sich Faras Mutter, die neben ihr auf einer Matte auf dem sandigen Boden ihres kleinen Zeltes sitzt.

In einem der grössten Lager von Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, reihen sich Hunderte weisser Zelte aneinander. In jedem leben durchschnittlich sieben Personen. Die meisten der 6000 hier lebenden Kinder im Schulalter waren noch nie in der Schule.

Trotz der Krise etwas lernen

Der Wind wirbelt Sand in die Kleider der Kinder, die auf dem Weg ins Bildungszentrum von Tdh im Lager in Maiduguri sind. Die 12-jährige Asma* hat sich als eine der Ersten zu unseren Alphabetisierungs- und Rechenkursen angemeldet. Als Bäuerin hatte ihre Grossmutter, bei der sie aufwächst, nicht die Möglichkeit, sie zur Schule zu schicken. Die beiden mussten ihr Ackerland fluchtartig verlassen und ums Überleben kämpfen. Asma kann nun im Tdh-Zentrum lernen, um sich auf den Übertritt ins offizielle Schulsystem vorzubereiten. Seit 2019 hat Tdh mehr als 2200 vertriebene Kinder mit Bildungsaktivitäten unterstützt.

In unseren 25 Klassen sitzen Kinder auf bunten Matten und hören aufmerksam ihrer Lehrerin zu, der hier ehrenamtlich arbeitet. Asma ist an der Reihe, an die Wandtafel zu gehen. Sie liest die Zweierreihe vor und alle Kinder wiederholen auf Englisch: 2, 4, 6 … 98, 100. Schwer zu glauben, dass sie vor sechs Monaten noch Analphabetin war.

Zusammen mit der Gemeinschaft die Bedürftigsten erreichen

Kindesmissbrauch und Frühehen sind Phänomene, die in der nigerianischen Gesellschaft vorkommen. Bei Vertriebenen sind die Risiken dafür besonders hoch. In Zusammenarbeit mit Freiwilligen und Führungskräften der Gemeinschaft kümmern wir uns um den Kinderschutz im Lager. Wir betreuen die Kinder einzeln, schenken ihnen Gehör, bieten ihnen Raum für Gespräche und eine psychologische Begleitung.

"Wir arbeiten mit allen Akteuren im Lager zusammen, um Gefahren, denen Kinder ausgesetzt sind, vorzubeugen."

Rukaiya Aliyu, Sozialarbeiterin von Tdh in einem Vertriebenenlager von Maiduguri

Zum vollständigen Erfahrungsbericht

Vor ihrer Flucht vor Boko Haram wurde Fara, als sie allein zu Hause war, von einem Nachbarn sexuell missbraucht. Als ihr Vater, der Gemeindevorsteher, erfuhr, dass sie schwanger war, fürchtete er um seinen Ruf. «Mein Vater befahl mir, im Zelt zu bleiben», erinnert sich Fara. Die Jugendliche durfte nicht mit ihren Kameradinnen sprechen oder zur Schule gehen. «Eines Tages kam er und sagte mir, ich könne mit Tdh sprechen.»

Eine unserer Sozialarbeiterinnen erinnert sich an diese heikle Situation: «Leute sagten uns, dass die Tochter des Gemeindevorstehers zu Hause eingesperrt sei. Um zu verhindern, den Fall direkt zu melden und Unbehagen zu schaffen, haben wir ein Register für Jugendschwangerschaften eingeführt. Daraufhin informierte uns Faras Vater, dass seine Tochter schwanger war.» Für die Jugendliche bedeutete dies einen ersten Schritt zurück in ein normales Leben.

Nach dem Gespräch mit einer Sozialarbeiterin von Tdh akzeptierte Faras Vater, dass seine Tochter in einem Gesundheitszentrum betreut wird. Sie kann nun unser Bildungszentrum besuchen und hat sich unserer Selbsthilfegruppe angeschlossen, in der Jugendliche ihre Gefühle ausdrücken und über angetroffene Schwierigkeiten sprechen können. Der ehrenamtliche Lehrer ist optimistisch: «Ich schenke ihr besondere Aufmerksamkeit, denn wenn eine Mutter Bildung erhält, wird sie ihr Wissen an ihre Kinder und somit an die Gemeinschaft weitergeben.»

Zukunftsträume

Fara hält ihr Baby in den Armen und erklärt uns: «Bevor ich schwanger wurde, konnte ich mir nicht vorstellen, ein Baby zu haben. Jetzt bin ich sehr glücklich mit meiner kleinen Tochter. Ich habe ihr den Namen meiner Mutter gegeben. Ich möchte meine Tochter aufwachsen und zur Schule gehen sehen. Mein Traum ist es, in einem Spital zu arbeiten, als Ärztin, um Frauen bei der Geburt zu helfen.» Sie lächelt und legt ihr drei Monate altes Baby ihrer Mutter in die Arme, die sich in den nächsten Stunden um es kümmern wird. Es ist Zeit, zur Schule zu gehen.

Lesen Sie den vollständigen Bericht in unserem Magazin Courage

*Die Namen wurden zur Achtung der Privatsphäre geändert.

Bildernachweis: © Tdh/A. Akande

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