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28.09.2012 - Nachrichten

Rumänien: Not der Roma von Netzwerken ausgebeutet

Das im französischen Annemasse zerschlagene Roma-Netzwerk macht deutlich, wie in Rumänien verschuldete Familien systematisch in die Fänge von Kriminellen geraten, die Erwachsene und Kinder zu Rückzahlungen zwingen.

Thierry Jacolet für LaLiberté

Das Elend der Roma lässt sich gut ausbeuten. Hinter denen, die in Genf die Hand aufhalten oder im Kanton Waadt Diebstähle begehen, stecken allzu oft Drahtzieher, die von Rumänien aus operieren. Manchmal sogar aus dem benachbarten Frankreich, wie im Falle des kürzlich von der französischen Polizei in Annemasse zerschlagenen Netzwerks. Die Razzia gab Aufschluss über “ein hierarchisches System, das auf Menschenhandel basiert”, stellt Philippe Guffon, Hauptkommissar der Grenzstadt, fest. Selbst wenn manche Stimmen in der Schweiz die Existenz eines derartigen Handels anzweifeln.

Die rund vierzig aufgegriffenen Roma standen unter der Fuchtel eines Anführers der den letzten Ermittlungsergebnissen zufolge in Annemasse lebte, wie auch seine beiden rechten Hände. Drei Männer, denen in erster Linie die bandenmässige Ausbeutung von Bettlern vorgeworfen wird. “Die anderen Roma sind alles Opfer”, stellt Guffon klar. “Sie sind auf freiem Fuss, aber nicht von Schulden frei.”

Schulden? Eine Last, die zahlreiche Roma in der Schweiz mit sich herumtragen. Ihre Familien sind in Rumänien dem Katamari in die Falle gegangen, einem Geldverleihsystem mit exponentiellen Zinsen, auf das man zurückgreift, um die Kosten für eine Ausreise (200 Euro) oder einen Spitalaufenthalt zu bezahlen.

“Da diese Familien bei Banken keinen Kredit aufnehmen können, bleibt ihnen nichts anderes übrig als sich an Roma-Geldverleiher zu wenden”, erklärt Daniel Dury, Präsident der Menschenrechtsliga Haute-Savoie. “Die Wucherzinse sind aber enorm. Der Anführer eines Netzwerks leiht ihnen 100 Euro, nächsten Monat schulden sie ihm bereits 200 Euro und so geht das immer weiter.”

Da sie nicht in der Lage sind, die Darlehen zurückzubezahlen, geraten diese Familien zwischen Schutzgelderpressung und Androhung von Körpergewalt in die Abhängigkeit von Netzwerken. Um die Schuld zu begleichen, werden Kinder, Brüder oder Cousins den Anführern übergeben, die sie dann in Städte wie Paris oder Lyon schicken. “Die Familien sind somit durch die Blutsbande und Schulden an Netzwerke gebunden”, fasst Joseph Aguettant zusammen, Delegierter von Terre des hommes (Tdh) in Rumänien.

Involvierte Notare

Einige Roma des Netzwerks von Annemasse haben Kommissar Guffon etwas eingestanden: “Sie sagten uns, dass ihre Familien infolge von Darlehen mehrere tausend Euro Schulden beim Anführer hätten. Sie bezahlten ihm ausserdem 150 Euro Monatsmiete, um in einem Auto zu übernachten!” Das Netzwerk hat aber noch ganz andere Mittel als Schulden, um Mitglieder anzuwerben: körperliche oder psychische Gewalt, Täuschung, Anbieten von Vorzügen, um die Einwilligung eines Erwachsenen zu erhalten, der das Sorgerecht für Kinder hat, usw.

Denn die meisten Opfer sind Kinder, sehr oft Mädchen, die auf alle möglichen Arten (Diebstahl, Einbruch, Prostitution usw.) ausgebeutet werden. “Dieses System macht es sehr schwierig, die Kinder aus den Netzwerken herauszuholen”, gibt Joseph Aguettant zu bedenken. “Die Händler versprechen dem Kind ein besseres Leben. Die Verpflichtung dieser Kinder erfordert nur geringe Anfangsinvestitionen. Sie sind ein billiges Rohmaterial.”

Um Kinder ins Ausland zu schicken, kaufen die Anführer Notare. Diese unterzeichnen Genehmigungen, mit denen Minderjährige das Land verlassen können. Eine Art der “legalen” Ausreise, während andere die Grenze heimlich überschreiten.

Ein Fall von Menschenhandel

Mafiöse Organisationen bringen den Kindern dann das Stehlen, Betteln und Einbrechen bei. “Solche Netzwerke und das gewerbsmässige Betteln beruhen manchmal auf einem stark organisierten Menschenhandel”, erklärt Joseph Aguettant. “Man spricht den Kindern das Kindsein ab. Sie haben nur einen Wert, wenn sie Geld bringen.”

Die Verantwortlichen geben den kleinen Arbeitskräften schnell zu verstehen, welche Sanktionen ihnen drohen, wenn sie die gesetzten Rentabilitätsziele nicht erreichen. Oder aufgegriffen werden. Selbst wenn Minderjährige im Falle einer Verhaftung aufgrund ihres Alters mit einer geringen Strafe davonkommen.

Ein Dorf ohne Zukunft

Die Menschenhändler verdienen auf dem Rücken der Roma viel Geld: Gemäss der Europäischen Polizeibehörde Europol bringt ein Kind im Durchschnitt 160’000 Franken pro Jahr ein, sei es mit Betteln, Diebstählen, Prostitution, Betrügereien usw. Aus europäischen Städten werden jeweils fette Summen in rumänische Dörfer überwiesen.

Zum Beispiel nach Barbulesti, woher alle in Annemasse aufgegriffenen Bettler stammen. In diesem verarmten Roma-Dorf gibt es keine Bildungsmöglichkeiten, kein Auskommen, keine Zukunft. “Die Roma leiden auch unter der Diskriminierung vor Ort”, stellt Joseph Aguettant fest. “Sie haben nur einen Traum: weggehen. Mit ein paar Euro leben sie in Genf immer noch besser als in Barbulesti.”

Polemik rund um die Ermittlungen

Mit den Verhaftungen in Annemasse konnte ein Menschenhändlerring zerschlagen werden. Hauptkommissar Philippe Guffon hat Beweise und hält kategorisch fest: “Roma haben zugegeben, ihrem Anführer grosse Summen zu schulden. Es gab auch während eines Jahres Geldüberweisungen nach Rumänien, vom in Annemasse stationierten Anführer auf Konten von Personen aus dessen Umfeld.” Und da war noch ein vierter Komplize, der dingfest gemacht werden konnte. Er hatte seine Strafe wegen Ausbeutung von Bettlern in Biarritz noch nicht abgesessen.

In der Schweiz machen sich aber auch Stimmen breit, die diese Ermittlungsergebnisse anzweifeln. So Dina Bazarbachi, Präsidentin von Mesemrom, einem Verein zur Wahrung der Rechte der Roma: “Hinter den Roma-Bettlern, die in Genf arbeiten, steckt keine mafiöse Organisation.” Selbst wenn es keine strafrechtlich relevanten Beweise für die Existenz einer derartigen Organisation in der Schweiz gibt, “sind die fraglichen kriminellen Handlungen zweifelsohne ein Zeichen für eine organisierte, hierarchisierte Ausbeutung von Bettlern und wohlmöglich auch Menschenhandel”, meint Boris Mesaric, Geschäftsführer der Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel (KSMM).

Schweizer Bemühungen in Rumänien

Das Betteln und die Delinquenz von Roma lassen sich nicht mit Bussen oder Ausschaffungen lösen. Das Problem muss an der Wurzel angepackt werden: bei der Bildung. Verschiedenenorts in der Schweiz hat die öffentliche Hand dies verstanden, während man in Genf und Lausanne über das Betteln geteilter Meinung ist. Die Kantone Waadt und Bern und auch die Stadt Lausanne haben entschieden, die Aktivitäten von Terre des hommes (Tdh) in Rumänien zu unterstützen, namentlich die Einschulung von Kindern.

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) hat ihrerseits 14 Millionen Franken über einen Zeitraum von 5 Jahren für Bildung und Gesundheit gesprochen, um Roma und andere gefährdete Minderheiten in Rumänien zu unterstützen. Tdh leistet fundierte Arbeit, um rund 1500 Kinder in die Schule einzugliedern. “Damit können wir acht von zehn Kindern den schulischen Misserfolg ersparen”, erklärt Joseph Aguettant, Tdh-Delegierter in Rumänien. “Wir müssen auch vorbeugen und den Schulabbruch verhindern. Sonst ist der Weg in kriminelle Netzwerke geebnet…”

Thierry Jacolet für LaLiberté

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