23.10.2017 - Nachrichten

In die Zukunft blicken: Ein Tag im Leben einer syrischen Flüchtlingsfamilie in Griechenland

Während Tausende von Flüchtlingen immer noch in Lagern in Griechenland gestrandet sind, bietet Terre des hommes (Tdh) einigen von ihnen eine menschenwürdigere Alternative. In den geschützten Wohnungen von Tdh erhalten sie soziale Unterstützung. Unsere Mitarbeiterin Tatjana Aebli verbrachte einen Tag mit einer syrischen Familien in deren neuem Zuhause in Ioannina. Hier ihr Bericht.

Voller Stolz zeigt uns der 22-jährige Syrer Ahmed sein Fussball-T-Shirt: die Nummer 17. Er könnte in diesem Moment nicht glücklicher aussehen. Er wurde vom lokalen Fussballverein aufgenommen, wo er jetzt dreimal die Woche trainiert. Aufgrund seines Status darf er noch nicht für offizielle Spiele aufgestellt werden, was ihm aber egal ist. Was zählt, ist die Anerkennung, die er mit dem Geschenk dieses T-Shirts erhielt.

Die siebenköpfige syrische Familie ist ein Beispiel für die Möglichkeiten, die sich Flüchtlingen nach ihrer Ankunft eröffnen können, mit einer Vergangenheit, die sie lieber hinter sich lassen. Es zeigt, wie Flüchtlinge aufblühen und ein Leben in Würde führen können.

Das Haus bietet seinen Bewohnern genügend Platz. Es ist möbliert. Und sauber. An den Wänden hängen aber keine Bilder – keine Andenken. Nichts, was sie an die Vergangenheit erinnert. Die Familie möchte nicht darüber sprechen. Sie möchten nicht zurückblicken. Sie sprechen lieber über die Zukunft: Der Vater über die Pläne der Familie für ein eigenes Unternehmen, die 8-jährige Tochter über ihren Traum, Balletttänzerin zu werden, und eine ihrer Schwestern davon, dass sie hier als Ärztin arbeiten möchte.

Syrisches Flüchtlingsmädchen in ihrer Wohung in Griechenland, die von Terre des hommes betreut wird.

Trotz ihrer grossen Träume stellen sie klar, dass dies alles Schritt für Schritt zu erreichen sei. «Wir müssen uns erst erholen, bis wir wieder Kraft haben und dann alles langsam angehen», meint der Vater, der vor einigen Monaten einen Schlaganfall erlitt und trotz seiner Leidenschaft nicht gärtnern kann – mit Blick auf die Tomaten, die draussen wachsen.

Die Mutter betritt das Wohnzimmer und serviert Süssigkeiten aus Syrien: mit Datteln gefüllte Kekse und mit Walnüssen bestreuten Zimtpudding. Wenn man die Augen schliesst, fühlt man sich in ihr Heimatland versetzt. Die junge Shahad weckt uns aus unseren Tagträumen, als sie lautstark verkündet, 43 Walnüsse gegessen zu haben. Alle lachen, egal, wie hoch die Zahl in Wirklichkeit gewesen sein mag. Der Vater blickt seine Frau an und sagt uns, dass sie eine wirklich gute Köchin sei. Ich kann nur zustimmend nicken, immer noch über das Essen erstaunt, das ich gerade probiere. Ahmed zeigt mir auf dem Smartphone seine Fussballmannschaft in Syrien in der Zeit, als er dort Wirtschaft studierte. Etwas aus seiner Vergangenheit.

Nicht zurückblicken bedeutet nicht, gute Erinnerungen zu vergessen. Denn sie sind ein Antrieb, weiterzumachen. Der Vater möchte seinen Traum eines Familienunternehmens in Syrien jetzt in Ioannina verwirklichen. «Es wird ein Restaurant sein, eine Taverne. Wir wollten dort ein Unternehmen aufbauen – jetzt werden wir es hier tun, Schritt für Schritt.» Die 23-jährige Tochter, die in der Heimat ihr Medizinstudium abgeschlossen hat und der ein in Griechenland anerkanntes Diplom fehlt, wird hier wieder zur Uni gehen. Ahmed fand seiner Leidenschaft folgend ein Fussballteam, mit dem er in Ioannina trainieren kann. Die quirlige 8-jährige Tochter wird ab nächster Woche in die lokale Schule gehen, ihre 16-jährige Schwester das Gymnasium besuchen. Die täglichen Griechischkurse im Gemeinschaftszentrum von Tdh und Oxfam haben sie auf diese Herausforderung vorbereitet.

Syrischer Flüchtling, der vom Tdh Projekt der betreuten Wohnungen in Griechenland profitiert.

«Im Restaurant wird es arabisches und italienisches Essen geben», meint der Vater, während er an seinem Schwarztee mit frischem Ingwer nippt. Ahmed fügt an: «Ich liebe Italien.» Sie wissen alle etwas über italienische Kultur, dank der Geschichten ihres Vaters, der als 18-Jähriger in Italien gelebt hatte. Dank ihm kennen sie auch ein paar italienische Wörter. Sobald sie ihre Visa erhalten haben, werden sie reisen können. Unnötig zu fragen, wohin. Ein breites Lächeln wandert von einem Gesicht zum anderen.

Dieser Besuch lehrte mich, dass es nicht immer angezeigt ist, die negative Vergangenheit von Flüchtlingen zu zeigen: die schlechten Erfahrungen, die sie durchgemacht, die Traumata, die sie erlitten haben. Wir haben schon zu viele ähnliche Geschichten gehört und sind abgestumpft. Wir sollten uns für die Familie interessieren, die wie jede andere auch voller Witze, Hoffnungen und Erinnerungen ist. Wir sollten an das grossartige Gefühl denken, das ein Tdh-Sozialarbeiter hat, wenn er Woche für Woche aus ihrer Tür tritt, nach monatelangen Kämpfen, um dieser Familie rechtliche Unterstützung für ihr Verbleiben in Griechenland zu verschaffen, aber auch medizinische Hilfe während langer Stunden im Spital und soziale Unterstützung, die ihr zu einem neuen hoffnungsvollen Leben verhilft. Damit sich alle schliesslich setzen und das tun können, was sie gerne möchten, sei es Ballett, Fussball oder eine italienisch-arabische Taverne eröffnen. In Frieden.

In unseren 30 geschützten Wohnungen in Ioannina (Griechenland), in denen über 140 Angehörige bedürftiger Flüchtlingsfamilien untergebracht sind, bieten Sozialarbeiter von Tdh wöchentlich Hilfe. Neben Griechisch- und Englischkursen im Gemeinschaftszentrum werden die Familien falls nötig an rechtliche, medizinische und psychologische Beratungsstellen verwiesen. Dies verschafft ihnen ein Umfeld für eine Integration in Würde.

Tatjana Aebli, Kommunikation, Tdh

Erfahren Sie mehr zum Projekt der geschützten Wohnungen in Griechenland.