29.06.2011 - Nachrichten

Togo/Nigeria: Mawule, das misshandelte Kind, von einem ganzen Land umsorgt

Mawule ist fast 15 Jahre alt. Nach dem Tod ihrer grossen Schwester musste sie die Rolle der Ältesten und damit die Verantwortung für ihre drei kleinen Schwestern übernehmen. In ihrem Heimatland, in Togo, gehen alle in die Schule. Aber Mawule hat nicht dieses Glück gehabt; sie wurde im Januar dieses Jahres nach Nigeria gebracht, um dort zu arbeiten. Es war ihr Onkel, der sie aus ihrem kleinen, entlegenen Dorf in Togo geholt hat. Mit dem Versprechen, dass sie Geld verdienen, einen Beruf und eine neue Sprache erlernen würde, verstand er es, ihre Eltern zu überzeugen: Sie vertrauten ihm das junge Mädchen an und liessen es nach Abeokuta ziehen.

Nach ihrer Ankunft in Nigeria verbrachte Mawule die ersten drei Nächte bei ihrem Onkel, bevor er sie als Hausangestellte zu einer Frau brachte. Von Anfang an hat diese Frau sie geschlagen, zwang sie, ihr Kleid auszuziehen, um die Schläge schmerzhafter zu machen. Da sie der lokalen Sprache nicht mächtig war, konnte sie sich bei niemandem beklagen. Und keiner der Nachbarn, die alle Zeuge der Situation waren, hat es gewagt einzugreifen. Dieses Martyrium hat vier Monate gedauert.

An einem Tag im April, als sie erneut verprügelt worden war, gelang es Mawule, aus diesem Haus zu fliehen und endlich kamen ihr die Nachbarn zu Hilfe und brachten sie in ein Krankenhaus.
Die Polizei wurde umgehend informiert und die “Herrin” von Mawule wurde verhaftet.

Das in Abeokuta basierte Team von Terre des hommes ist vom Ministerium für Frauenförderung darüber unterrichtet worden, dass ein junges Mädchens mit Verletzungen infolge schwerer Misshandlungen ins Spital eingeliefert wurde. Tdh hat Mawule im Spital aufgesucht, hat für die für ihre Wiederherstellung notwendige Hilfe gesorgt und ihre Familie in Togo benachrichtigt.

Ein paar Tage später hat Tdh jedoch festgestellt, dass die korrupte Polizei beabsichtigte, Mawule zu ihrer misshandelnden „Herrin“ zurückzubringen.
Tdh setzte das Ministerium über die Absichten der Polizei in Kenntnis und dieses gab Anweisungen, das junge Mädchen aus Sicherheitsgründen aus dem Spital zu entlassen und es in einem vom Staat verwalteten Zentrum unterzubringen, wo es ausschliesslich von Tdh besucht werden durfte. Tdh betreut Maluwe noch heute und gibt ihr die Möglichkeit, wieder Mut zu fassen und sich mit verschiedenen Tätigkeiten vertraut zu machen. Im Übrigen zeigte sie schnell ein unglaubliches künstlerisches Talent und möchte jetzt Coiffeuse werden.

In dieser Angelegenheit hat das Team von Tdh nicht alleine gehandelt, sondern hat den Staat beim Schutz eines Kindes in einer derartigen Misshandlungssituation unterstützt. Mit Beratung durch Tdh hat das Ministerium für Frauenförderung mehrere Akteure mobilisiert und ein Ad-hoc-Komitee geschaffen, das sich aus Vertretern der Polizei, der Einwanderungsbehörden, des Departements für soziale Angelegenheiten, von Terre des hommes sowie Nachbarn und dem Arzt zusammensetzt, die dem jungen Mädchen geholfen haben.

Nach sechswöchigen Beratungen ist die Angelegenheit mit dem Ziel, kostenlose Rechtshilfe für Mawule zu finden, an das Departement für Bürgerrechte überwiesen worden. Dieses Departement hat zwei Verfahrensweisen vorgeschlagen: Prozess oder Schlichtung zwischen den Parteien. Das Komitee hat diese Optionen aufmerksam geprüft und sich für die Schlichtung entschieden, die in diesem Fall dem Interesse des Kindes am besten Rechnung trug.

Nach der Schlichtung in der letzten Woche hat Mawule die Summe von 300’000 nigerianischen Nairas (ca. CHF 1’700.-) als Entschädigung erhalten. In Gegenwart der Mitglieder des Komitees und vor einer Videokamera hat die Aggressorin das junge Mädchen öffentlich um Verzeihung gebeten und sich entschuldigt. Ausserdem hat sie eine Verpflichtung unterschrieben, niemals andere Kinder – vor allem ihre eigenen – zu misshandeln, und einer Kontrolle für die Dauer von zwei Jahren zugestimmt.
Was den Onkel des jungen Mädchens betrifft, so hat er zugegeben, dass er ihr nicht zu Hilfe gekommen ist, weil er ohne Aufenthaltsbewilligung in Nigeria lebt und Angst hat, von den Einwanderungsbehörden verhaftet zu werden. Aufgrund dieser Angelegenheit ist er schliesslich von der Einwanderungsbehörde über die Umstände der Einreise seiner Nichte befragt worden mit dem Ziel zu ermitteln, ob er in einem Ring von Kinderhändlern tätig sei.

Laut Olapeju Osoba, einem Mitglied des Teams von Tdh in Nigeria, „war Mawule sehr verängstigt, als wir sie kennen lernten, und die Schläge hatten ihre Spuren überall auf ihrem Körper hinterlassen. Sie unterzog sich einer psychologischen Behandlung und es geht es ihr heute schon viel besser. Sie war vorbereitet und bereit, ihrer Aggressorin gegenüberzutreten und deren Entschuldigen anzunehmen. Heute ist sie glücklich und den ‚Fremden’ dankbar, die ihr zu Hilfe gekommen sind”.

Trotz allem möchte Mawule in Nigeria bleiben, um einen “wirklichen” Beruf zu erlernen. Das Komitee hat daher eine Familie gesucht und gefunden, der sie anvertraut wird. Das Ministerium für Frauenförderung hat ihr eine Aufenthaltsgenehmigung gewährt, damit sie eine Ausbildung als Coiffeuse machen kann. Schliesslich wurde ein Arrangement gefunden, damit ihr Vater sie häufig besuchen kann.

Dieser Fall beweist, wie stark die nigerianischen staatlichen Einrichtungen sich heute mobilisieren können und wollen, um missbrauchte und misshandelte Kinder unabhängig von ihrer Herkunft zu schützen. Der neue ständige Sekretär hat sich die ganze Zeit über persönlich eingesetzt. Er hat ein offizielles Treffen zwischen dem Ministerium für Frauenförderung und Tdh angeregt, um diese Art der Zusammenarbeit festzuschreiben und aufrechtzuerhalten.

Weitere Informationen über den Einsatz von Terre des hommes in Nigeria

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