19.02.2018 - Nachrichten

Ukraine: „Kinder sind die ersten Opfer dieses vergessenen Kriegs“

Bereits sind vier Jahre vergangen, seit der Konflikt in der Ostukraine ausgebrochen ist. Obwohl in den Medien weniger darüber berichtet wird, ist die Situation bei weitem nicht gelöst. Mehr als 54'000 Kinder leben in Gebieten, wo der Lärm von Schüssen und Bomben zum Alltag gehört, meint Nikita Kovchuga, Kinderschutzarbeiter von Tdh in der Ukraine. Ein Interview.

Wie erleben Sie die Krise persönlich?

Vor zwei Jahren stand ich vor der Wahl, nach meinem Sozialpraktikum in Spanien zu bleiben oder in mein Heimatland die Ukraine zurückzukehren, wo sich meine Herkunftsregion, der Dombass, im zweiten Kriegsjahr befand. Ich entschied mich für eine Rückkehr. Ich konnte nicht einfach darüber hinwegsehen, was in meiner Heimat geschah. Ich hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen, um die Folgen der schrecklichen Ereignisse zu mindern. Obwohl es Momente gab, in denen mein Leben in Gefahr war, als ich mich während der Gefechte im Keller verstecken musste, als im Kreuzfeuer Kugeln neben meinen Beinen einschlugen, blieb ich meiner Aufgabe treu.

Können Sie die heutige Lage im Land beschreiben?

Nicht nur die Hoffnung auf eine politische Lösung ist verschwunden, auch die Ersparnisse der Menschen und ihre Belastbarkeit sind dahin. Nach vier Jahren der Krise müssen Millionen von Menschen, darunter 1,6 Millionen Binnenflüchtlinge, unmögliche Entscheidungen treffen zwischen Nahrung, Medikamenten, Unterkunft, Heizung oder Schulbildung für ihre Kinder.

Laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen leben etwa 60 Prozent der Ukrainer unter der Armutsgrenze. 4,4 Millionen leiden unter der Krise, die meisten benötigen humanitäre Hilfe. Die Mehrheit der Menschen, die entlang der 457 Kilometer langen «Kontaktlinie» leben, sind regelmässig von den Gefechten betroffen.

Welches sind die Hauptprobleme für Kinder?

Kinder sind die ersten Opfer von Europas vergessenem Krieg. Tausende von ihnen leben an Orten, die monatlich oder gar wöchentlich unter Beschuss liegen. Gemäss dem UNICEF-Bericht von 2017 Children of the contact line in East Ukraine ist die psychische Belastung eines der Hauptprobleme der Kinder in der Ostukraine.

Wie hilft ihnen Tdh?

Wir helfen Kindern und Jugendlichen seit 2015 mit psychosozialen Aktivitäten. Im vergangenen Jahr richteten wir in 75 Schulen und fünf Berufsschulen der Region Luhansk kinderfreundliche Räume ein. Diese Räume sind mit Brettspielen, Büchern und Zubehör für Spiele, kreative Arbeiten und Sport ausgestattet. Tdh schulte zudem Lehrpersonen, die Freizeitaktivitäten mit über 7000 Kindern durchführten.

Da wir im Kontext einer anhaltenden Krise arbeiten, sind solche Räume und Aktivitäten für die Kinder extrem wichtig. Sie helfen ihnen, sich zu entspannen, Angstgefühle, Isolation und Depressionen zu bekämpfen, soziale Beziehungen, Vertrauen und eine positive Lebensanschauung aufzubauen. Mit der Stärkung ihrer inneren Ressourcen und ihres Umfelds garantieren wir ihnen einen besseren Schutz.

Was motiviert Sie in Ihrer Arbeit?

Die Stelle als Kinderschutzarbeiter ist eine Herausforderung. Wenn ich aber vor Ort bin und sehe, wie Kinder spielen und lachen, welche Energie sie haben, scheinen sie wirklich zu vergessen, was um sie herum geschieht. Deshalb bin ich so stolz auf diese Arbeit.

2017 bot Terre des hommes psychosoziale Unterstützung für mehr als 7000 vom Konflikt betroffene Kinder und ihre Familien in der Region Luhansk. Die Arbeit zur Verbesserung des emotionalen und sozialen Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen wird in dieser Region auch 2018 fortgeführt.

Nikita Kovchuga, Kinderschutzarbeiter von Tdh in der Ukraine

Bildernachweis: ©Tdh