Nothilfe Südsudan
Mehr als eine Million Kinder von einer Hungersnot bedroht Mehr dazu
11.05.2011 - Nachrichten

Zeitbombe: die genetischen Auswirkungen der Mangelernährung

Der Mensch kann sich genetisch an die Umgebung anpassen, um zu überleben. Es handelt sich um ein Grundprinzip der menschlichen Entwicklung. Dennoch werden von der Wissenschaft immer wieder neue Zusammenhänge aufgedeckt. So haben zum Beispiel die Ernährung der Mutter während der Entwicklungszeit des Fötus, sowie die Ernährung von Kleinkindern bisher unbekannte genetische Auswirkungen. Diese neuen Erkenntnisse haben einen Einfluss auf die Programme zur Bekämpfung der Mangelernährung. ¶

Epigenetik: Eine neue Wissenschaft?

Die Epigenetik ist die Wissenschaft, die den Einfluss der Umwelt auf unsere Gene untersucht.

«Das in unserer DNA gespeicherte genetische Erbe ist wie unsere Stimme», erklärt Professor Michel Roulet, Arzt und Fachperson für Gesundheit bei Terre des hommes (Tdh). «Sie ist uns eigen und verändert sich nicht.» Doch äussere Faktoren können ihre Leistung beeinflussen, insbesondere die Ernährung. Genau mit diesen Faktoren befasst sich die Epigenetik.

Es zeigt sich, dass die Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft sowie des Kindes während der ersten fünf Lebensjahre einer der Faktoren sind, die die Genetik eines Individuums beeinflussen können. «Dieser Zusammenhang ist nicht neu», hält Professor Roulet fest. «Schon nach Ende des Zweiten Weltkrieges begannen Ärzte, dieses Phänomen und den langfristigen Einfluss von Hungersnöten auf die Gesundheit von Kindern zu untersuchen. Sie hoben hervor, dass Mütter, die während der Schwangerschaft an Mangelernährung gelitten hatten, Babys mit einem Wachstumsrückstand auf die Welt brachten. Vor allem aber, dass solche Kinder, selbst wenn sie in den ersten Lebensjahren schnell eine ausgiebige Ernährung erhielten, eine geringere Lebenserwartung hatten. Denn sie waren besonders anfällig für eine ganze Reihe von Krankheiten wie Herzinfarkt, Bluthochdruck, Diabetes usw. Diese Ärzte wurden zunächst für Fantasten gehalten und es mussten mehrere Jahrzehnte vergehen, bis ihre Erkenntnisse allmählich ernst genommen wurden. Heute ist der Einfluss der Ernährung anerkannt und es gibt unzählige Veröffentlichungen zu diesem Thema. Doch unser Verständnis der Auswirkungen, die diese Entdeckung auf unser Alltagsleben hat, steckt noch in den Kinderschuhen».

Eine Zeitbombe

Der Wachstumsrückstand des Fötus oder des unter Mangelernährung leidenden Kleinkindes ist ein Beispiel für die Fähigkeit des Menschen, sich ungünstigen Lebensbedingungen anzupassen. Unsere Gene sind während mehrerer Jahre veränderbar und bilden sich den äusseren Faktoren entsprechend aus. «Es ist, als ob sich das Kind dafür programmiert, arm zu sein», erklärt Professor Roulet. Sein Körper passt sich einem grossen Ernährungsmangel an und bestimmte Organe entwickeln sich besser und schneller als andere, damit das Kind überleben kann. Diese genetische Veränderung wird dann während mehrerer Generationen weitergegeben. So kann ein Kind in seinem Erbgut Spuren der Mangelernährung aufweisen, unter der seine Grossmutter gelitten hatte.

«Die Probleme wachsen, wenn sich die arme Umgebung, auf die sich das Kind vorbereitet hatte, plötzlich verändert», fährt Professor Roulet fort. «Sein Körper kann nicht mehr mithalten und es besteht ein erhöhtes Risiko, dass es schwere Krankheiten bekommt. Diese Veranlagung wird dann an die eigenen Kinder und Enkelkinder weitergegeben.»

Es geht uns alle an

Von diesem Phänomen sind bei weitem nicht nur Entwicklungsländer betroffen.

Jede unausgewogene Ernährung während der Schwangerschaft oder in den ersten Lebensjahren hat dieselben Auswirkungen. Auch entwickelte Länder, in denen der Anteil übergewichtiger Kinder in die Höhe schnellt, sind betroffen, ebenso wie die Bewohner von Grossstädten in Entwicklungsländern, deren Lebensbedingungen sich sehr schnell verbessern. Angesichts dieses Phänomens sind wir alle gleich.

Es besteht aber ein Risiko, dass dieses universale Problem zu sehr ungleichen Entwicklungen führt. Die Forschung im Bereich der Bekämpfung von Fettleibigkeit wird beschleunigt und alle Lebensmittelsicherheitsbehörden der entwickelten Länder befassen sich mit dieser Frage. Die Lebensmittel- und die Pharmaindustrie reiben sich angesichts dieses neuen vielversprechenden Marktes die Hände. Doch wie steht es um die Bekämpfung der Mangelernährung?

Die Bekämpfung der Mangelernährung muss angepasst werden

Es gibt sozusagen keinerlei Literatur, die sich für den Zusammenhang zwischen der Epigenetik und der Bekämpfung von Mangelernährung beim Kleinkind interessiert. «Diese neuen Entwicklungen sollten uns aber in höchstem Masse aufhorchen lassen», empört sich Professor Roulet. «In Projekten zur Bekämpfung von schwerer akuter Mangelernährung ist unsere erste Priorität oft, dass die Kinder möglichst schnell an Gewicht zunehmen. Doch damit versetzen wir das Kind in eine Umgebung, auf die es nicht vorbereitet ist.»

Soll man also nichts tun? «Nein, natürlich nicht. Ein Kind mit schwerer akuter Mangelernährung ist in Lebensgefahr. Wir müssen etwas tun. Doch muss die Heilung kontrolliert erfolgen. Wenn wir ein Kind zu schnell an Gewicht zunehmen lassen, retten wir ihm zwar kurzfristig das Leben, erhöhen aber das Risiko, dass es später schwere Krankheiten bekommt und diese Veranlagung an die eigenen Kinder weitergibt. Die Schnelligkeit der Heilung muss also verlangsamt werden, damit die Veränderung der Umgebung möglichst wenig abrupt erfolgt. Während der gesamten Zeit, in der das Kind sein Normalgewicht nicht wieder erreicht hat, ist sein Immunsystem äusserst geschwächt und es besteht ein Risiko für Infektionen, die tödlich sein können. Wir müssen das bestmögliche Gleichgewicht zwischen diesen beiden gegensätzlichen Ansprüchen finden; auf diese Frage wird es wahrscheinlich noch mehrere Jahre lang keine befriedigende Antwort geben.»

Terre des hommes ist im Bereich Gesundheit und Ernährung im Rahmen von 19 Projekten in 15 Ländern tätig. 2010 haben 700’000 Personen von diesen Aktivitäten profitiert.
Zurück zu den Nachrichten