Olivier Feynerol,
Verantwortlicher Migrationsprogramm

„Die Frage ist, wie man die Gegenwart und Zukunft von Hunderttausenden von Kindern verbessern kann, für die Mobilität zu einem notwendigen Schritt geworden ist, wenn es keine Entwicklungsperspektive gibt, die ihr tägliches Leben verändern kann.“

Terre des hommes setzt sich in Westafrika seit zwei Jahrzehnten dafür ein, die Lebensbedingungen von Kindern zu verbessern, die Opfer von Menschenhandel sind und als Arbeitskräfte ausgebeutet werden. Anfang der 2000er-Jahre begann die Migration in ihrer Arbeit eine wichtige Rolle zu spielen: Es stellte sich heraus, dass die meisten Kinder, die der Ausbeutung entrinnen konnten, freiwillig migriert waren oder von ihren Eltern bei jemandem untergebracht wurden mit dem Ziel, ihr Los oder das ihrer Familie zu verbessern.

Während Europa seit 2015 eine Migrationskrise erlebt, die durch eine Zunahme der irregulären Migration bedingt ist, steht für die Staaten der Europäischen Union die Frage im Zentrum, wie sie das Ausmass der internationalen Migration senken können. Die Kinderschutzorganisationen konzentrieren sich jedoch darauf, wie sie die Gegenwart und die Zukunft Hunderttausender von Kindern und Jugendlichen verbessern können, für welche die Mobilität zur Notwendigkeit geworden ist, da keine Aussicht auf eine wirtschaftliche Entwicklung besteht, die ihr tägliches Leben und ihre Zukunftschancen nachhaltig und dauerhaft verändern könnte.

In diesem Spannungsfeld verfolgt Terre des hommes den Ansatz der schützenden Begleitung der Kinder und Jugendlichen, welche sich im Rahmen interner oder subregionaler Migration bewegen, statt sich ausschliesslich auf die internationale Migration in Richtung Nordafrika und Europa zu konzentrieren.

Schützende Begleitung von Kindern und Jugendlichen

Die Mobilität von Kindern und Jugendlichen ist grundsätzlich weder gut noch schlecht. Es gilt aber  die Verletzlichkeit der betroffenen Kinder vor, während und nach der Migration zu berücksichtigen. Die Gründe, ein Zuhause zu verlassen, sind vielfältig und oft legitim; viel zu oft wurden die Kinder jedoch Opfer von Misshandlung, Ausbeutung oder Missbrauch  und ihre Rechte wurden in beträchtlicher Weise verletzt. Deshalb müssen die betreffenden Risiken verringert werden, ohne die Chancen aus den Augen zu verlieren, die sich durch die Migration bieten.

In diesem Zusammenhang sind soziale Integration durch Berufsbildung und Unterstützung bei der Suche nach einer eigenen Identität wichtig. Ziel ist es, im besten Interesse des Kindes zu handeln, damit es seine Chancen möglichst risikofrei wahrnehmen kann.

Der Schutz von migrierenden Kindern und Jugendlichen verlangt, dass die Zusammenarbeit zwischen institutionellen und kommunalen Akteuren gestärkt wird. Der empfohlene Ansatz besteht in erster Linie darin, sich auf die schützende Umgebung des Kindes zu konzentrieren und diese zu stärken, unabhängig davon, wo sich das Kind gerade befindet. Im Falle einer Migration soll darauf geachtet werden, dass ein Netz an Akteuren vorhanden ist, die das Kind betreuen, anleiten und unterstützen.

Lösungen vorschlagen

Wenn die Kinder und Jugendlichen Lösungen für ihre strukturellen Probleme durch Formen der internen Migration in ihrem Land oder ihrer Region finden können, müssen sie das Risiko der Migration nach Norden nicht eingehen. Sie zu schützen, zu begleiten, mit Rücksichtnahme auf ihre wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Situation, ist mit Sicherheit effizienter und nützlicher als der Versuch, Migration generell zu verhindern. Um dies zu verhindern, ist es daher umso wichtiger, die gegenwärtigen Antimigrationstendenzen zu brechen und durch einen konstruktiven, ausgeglichenen Ansatz zu ersetzen: Migration und Entwicklung müssen Hand in Hand gehen, und die Kinder und Jugendlichen müssen Akteure ihres eigenen Handelns werden und somit zu ihrem eigenen Schutz beitragen.