COVID-19
Die Pandemie bedroht gefährdete Familien.

Yann Colliou,
Leiter des Programms Zugang zu Justiz von Tdh

«Der Zugang für Kinder und Jugendliche zur Justiz bleibt eine grosse Herausforderung: Weltweit sind schätzungsweise über eine Million Kinder inhaftiert. Mehr als 70 Prozent von ihnen warten auf ein Urteil.»

«Der Zugang für Kinder und Jugendliche zur Justiz bleibt eine grosse Herausforderung: Weltweit sind schätzungsweise über eine Million Kinder inhaftiert. Mehr als 70 Prozent von ihnen warten auf ein Urteil. Die maximale Dauer für die Untersuchungshaft wird oft nicht eingehalten, die Haftbedingungen sind mitunter unerträglich, die Rückfallquote ist hoch und nur wenige Kinder erhalten kompetenten juristischen Beistand.

Eine formelle Justiz, die nicht die ganze Bevölkerung erreicht

Die internationale Gemeinschaft und die kommunalen Behörden konzentrieren sich in der Regel auf Förderprogramme für offizielle Institutionen und kümmern sich nicht um die traditionellen Justizsysteme, das heisst um Systeme, die nicht staatlich geführt werden. Hinzu kommt, dass die formelle Justiz geografisch häufig weit entfernt ist – damit unerreichbar – und sie wird vielerorts als korrupt angesehen. Bis ein Gerichtsurteil gefällt wird, vergeht viel Zeit und die Entscheidungen sind kulturell nicht immer angemessen. Viele Teile der Bevölkerung vertrauen in ihrer Gemeinschaft auf traditionelle Methoden, um Konflikte zu lösen. Es existiert also kein Rechtssystem, das für alle gilt.

Ich arbeite schon seit vielen Jahren im Bereich der traditionellen Justiz. Ich kenne die Vorbehalte von einigen VertreterInnen der staatlichen Justiz, aber auch den Respekt gegenüber der traditionellen Gerichtsbarkeit, die bisweilen sogar hinzugezogen wird. Unter bestimmten Bedingungen kommt es vor, dass RichterInnen und StaatsanwältInnen die Gemeinschaften systematisch befragen, bevor sie ihr Urteil fällen. Die traditionellen Akteure geben ihre Erfahrungen gerne weiter, möchten sie transparenter machen und sind bereit, mit dem staatlichen Justizsystem zusammenzuarbeiten.

Viele begegnen diesem Thema jedoch noch mit viel Skepsis, da beim Gewohnheitsrecht einige Praktiken im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen. Es geht nicht darum zu leugnen, dass es diese Mängel und Missstände gibt, sondern darum, Lösungen zu finden.

Ein hybrider Ansatz

Tdh möchte Kindern und Jugendlichen den Zugang zur Justiz erleichtern. Erreicht werden soll dies durch die Annäherung der Systeme der formellen und der informellen Justiz und durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure. Darum verfolgen wir drei Ansätze:

1. Als erstes geht es darum, bewährte Verfahren in den Gewohnheitsrechtssystemen besser zu kennen und anzuerkennen unter Wahrung der Menschenrechte.

2. Zweitens müssen durch eine bessere Zusammenarbeit zwischen den offiziellen und den traditionellen Akteuren eine Annäherung erreicht werden und Alternativen zu repressiven Massnahmen gefunden werden.

3. Als drittes gehen wir davon aus, dass sich durch eine Anpassung der Gesetzgebung die Beziehungen zwischen den Akteuren der offiziellen und den Gewohnheitsrechtssystemen formalisieren lassen.

Was Terre des hommes bisher erreicht hat

Die Untersuchungen und Forschungsprojekte, die Tdh im Nahen Osten, in Lateinamerika, Afrika und Asien seit einigen Jahren im Bereich der traditionellen Justiz durchführt, sind vielversprechend. Dadurch konnten wir echte Fortschritte aufzeigen:

- Wir stellen fest, dass Kinder bei den Praktiken der traditionellen Konfliktlösung stärker miteinbezogen werden.

- Das Wohl des Kindes wird bei den Urteilen immer stärker berücksichtigt.

- Die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren der formellen und der informellen Justiz verbessert sich.»