03.04.2016 - Pressespiegel

Alle Hoffnung ruht auf den Frauen

Bläulich schimmert das Kondom, das Ehkram Marda (39) vorführt. «Stülpt es euer Mann über, kriegt ihr keine Kinder», erklärt die libanesische Krankenschwester. Vor ihr sitzen zwei Dutzend Frauen. Keine kichert. Zu ernst ist die Sache. Es geht um Verhütung, eigentlich aber geht es um die Zukunft Syriens.

Gebannt hören die Frauen zu, wie Pillen und Spiralen auf ihre Körper wirken, wie Kondome und Femidome zu handhaben sind. Der Krieg im Nachbarland Sy­rien hat sie hierhergetrieben, in den Libanon. Manche ist seit fünf Jahren da – so lange schon sprechen die Waffen.

Die wenigsten wissen noch, warum einst der erste Schuss fiel. Zurück aber wollen alle. «Um aufzubauen, was noch da ist», sagt die islamische Frau, die den Verhütungskurs in der Klinik in der Bekaa-Ebene besucht. «Eine zu grosse Familie wäre da hinderlich.»

«Es ist ein Wunder»

Mit ihr harren über eine Million registrierte syrische Flüchtlinge im Libanon. Schätzungen gehen sogar von 1,5 Millionen aus – das wären rund 30 Prozent aller Einwohner. Kein anderes Land ist so sehr von der Syrien-Krise betroffen wie «die Schweiz im Nahen Osten». Es gibt Regionen im Libanon, wo mehr Syrer als Libanesen leben.

Arbeiten dürften die Flüchtlinge zwar nicht. Viele tun es illegal. Das drückt die Löhne. Mieten klettern. Der Wasserverbrauch im trockenen Land stieg seit 2011 um 28 Prozent. Überlastet sind Schulen und Spitäler. Meterhoch türmt sich vielerorts stinkender Müll.

Bedroht ist das heikle ­libanesische Gleichgewicht aus Schiiten, Sunniten, Maroniten, Drusen und Christen. Zumal die meisten syrischen Zuwanderer Sunniten sind. Weiter an den Rand gedrängt sehen sich die rund 330000 Palästinenser. Sie haben seit 1948 den Flüchtlingsstatus im ­Libanon.

Warum bricht der Kleinstaat ob dieser Last nicht auseinander? «Es ist ein Wunder», sagt Suheir El Ghali vom Sozialministeri um. Libanesen fühlten sich verpflichtet. «Syrer öffneten 2006 ihre Arme als wir Krieg führten und flohen», sagt sie. «Jetzt helfen wir.»

Wie in Zahé in der Bekaa-Ebene, dem fruchtbaren Hochtal im Osten des Landes. In der Klinik macht Pflegerin Marda, was für die Zukunft Syriens so zent­ral ist: Sie stärkt Frauen. Müttern zeigt sie, wie sie Kinder mit Durchfall pflegen, Brustmilch gesünder als Flaschenmilch ist.

«Dass sie zwischen jedem Kind zwei Jahre warten sollten – das ist gut für euch und die Kinder.» Die Frauen würden die Kondome benutzen. «Die Männer aber zögern.» Was tut sie dagegen? «Ich bestelle die Männer zu mir, hier gehorchen alle!»

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Mädchen stärken

Zehn Jahre alt ist Jawaher. Keck leuchten ihre grossen dunklen Augen. Sie steht in einem Zelt im Süden Libanons – und spricht vor zwölf Mädchen selbstbewusst, was sie eben gelernt hat. «Wir tragen immer Kleider, niemand darf uns berühren, wenn wir es nicht wollen, und niemand darf uns schlagen, auch nicht der Vater oder die Mutter.»

Aus Homs floh ihre Familie in den Libanon. Wann? Sie weiss es nicht mehr. An ihr Zimmer könne sie sich vage erinnern – «es hatte viele Puppen» – und an ihr Haus. «Alle hatten eigene Zimmer, nur meine Mutter und mein Vater teilten es.»

Nun bewohnt die Familie ein enges dunkles Zelt, das neben einem Tanklager steht. Ein kleiner Bach trägt Abfälle und Abwasser ins Meer. Zur Schule kann Jawaher nur nachmittags. Ihre Lieblingsfächer? «Rechnen und Englisch.» Was will sie einst werden? «Ärztin, und zwar in Sy­rien.» Klar, sie wollen zurück. «Meine Mutter sagte mir, Syrien brauche uns.»

Auf dem Weg dorthin begleitet sie Nisreen Ashour (32), eine palästinensische Sozialarbeiterin im Dienste des Schweizer Hilfswerks Terre des hommes. Ashour kniet auf dem Boden, zeichnet mit Kindern, spielt mit ihnen, erzählt Geschichten, singt. «Diese Kinder haben in ihrer Heimat Schreckliches erlebt, jetzt geht es darum, dass sie ihre Kindheit nicht ganz verlieren.»

Es geht darum, sie zu stärken – und zu schützen. Zumal die Kinderarbeit im Libanon stark zu­nehme, sagt die Neuenburgerin Aurélie Péter-Contesse (32). Sie leitet das Terre-des-hommes-Büro. «Libanon ist teurer, die meisten Flüchtlinge haben ihre Ersparnisse längst aufgebraucht, es ist ihnen nicht erlaubt zu arbeiten. Deshalb schicken sie ihre Kinder auf die Strasse und auf Felder.»

Die Kleinen betteln zwischen Karossen auf den breiten Boulevards der Hauptstadt Beirut, verkaufen Kaugummi, pflücken im Süden Orangen, ernten auf der Bekaa-Ebene Gurken, Salate und Tomaten.

Den vollständigen Artikel im SonntagsBlick finden Sie hier.

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