24.01.2018 - Pressespiegel

Trauma Flüchtlingskind

Beim Umgang mit Flüchtlingskindern geht manchmal vergessen, dass es sich hier um Kinder handelt. Kinder, die unseren Schutz benötigen, Rechte und spezifische Bedürfnisse haben.

Die Schweiz zählt immer mehr unbegleitete minderjährige Migranten, sogenannte UMA (unbegleitete minderjährige Asylsuchende). Allein im letzten Jahr kamen gemäss Angaben des Staatssekretariats für Migration 1997 neue UMA in der Schweiz an, das sind über sieben Prozent aller Ankömmlinge. Themen wie ihre Anzahl, ihr Asylstatus und fehlende Betreuungsplätze dominieren die öffentliche Diskussion.

Es geht dabei aber vergessen, dass es sich um Kinder handelt. Kinder, die unseren Schutz benötigen und gemäss Kinderrechtskonvention Rechte und spezifische Bedürfnisse haben, genau wie Schweizer Kinder auch. Es handelt sich ausserdem um Kinder, die oft Schreckliches erlebt haben, sei es in ihrem Heimatland oder auf der Flucht. Und es sind Kinder, die sich alleine, von ihrer Familie getrennt, in einem fremden Land befinden.

Viele von ihnen sind traumatisiert, zeigen Anzeichen von Depressionen oder haben Angstzustände. Die Unsicherheit bezüglich des Asylverfahrens, ihrer Unterkunft und ihrer Zukunft sowie das Zurechtkommen alleine in einem unbekannten Land tragen oft dazu bei, diese Symptome hervorzurufen oder zu verstärken.

Trotzdem erhalten junge Schutzsuchende bei uns keinerlei systematische psychische Betreuung. Ihre mentale Gesundheit wird vernachlässigt, obwohl nach Schätzungen des Universitätsspitals Genf sechzig bis achtzig Prozent der UMA von psychischen Problemen betroffen sind. Diese werden meistens gar nicht oder nur zufällig entdeckt und behandelt. Eine mögliche Folge davon zeigte sich im Kanton Waadt, wo acht Jugendliche innerhalb eines Monats versuchten, sich das Leben zu nehmen – drei von ihnen am gleichen Tag.

Unerkannte und unbehandelte mentale Beschwerden können noch weitere langfristige Auswirkungen auf das Leben dieser Kinder haben. Sie beeinträchtigen nachgewiesenermassen die Integration sowie das schulische Lernen und können auch zu Kriminalität, Desozialisierung und Radikalisierung führen. Gemäss Kinderrechtskonvention hat jedes Kind das Recht auf ein erreichbares Höchstmass an Gesundheit – dies schliesst auch die psychische Gesundheit mit ein. Das Kinderhilfswerk Terre des hommes setzt sich im Rahmen der Allianz für die Rechte der Migrantenkinder (Adem) daher dafür ein, dass UMA systematische ärztliche Untersuchungen durch geschultes medizinisches Personal zuteilwerden, welche die psychische Gesundheit und Anzeichen für Traumata einbeziehen.

Sollte ein Kind Auffälligkeiten aufweisen, muss es den Zugang zur entsprechenden Hilfe bekommen. Ausserdem muss die Betreuung der UMA auf die spezifische Situation dieser Kinder und Jugendlichen ausgerichtet werden. Sie brauchen eine Vertrauensperson, die ihnen von Anfang an zur Seite steht. Die Beziehung zu dieser Person, die eine möglichst individuelle Betreuung ermöglichen sollte, gibt dem Kind Sicherheit, lässt es Vertrauen aufbauen und gewährleistet, dass es darüber informiert ist, was mit ihm passiert.

Dies sind wichtige Elemente, um psychischem Stress beizukommen und unbegleitete Kinder weniger allein zu lassen. Die Fachleute, die sich mit den UMA beschäftigen, müssen dafür auch besonders geschult werden. Sie sollten Anzeichen eines Traumas, wie Risikoverhalten oder depressive Stimmung, erkennen und auch Fälle von Menschenhandel oder Missbrauch identifizieren können. Die UMA müssen über alle beschlossenen Massnahmen informiert und falls nötig auch mit einem Dolmetscher oder Kulturvermittler darüber aufgeklärt werden, damit dem Zustand von Hilflosigkeit und Unsicherheit entgegengewirkt werden kann.

Die Schweiz muss die Rechte aller Kinder sicherstellen und es ihnen ermöglichen, eine lebenswerte Zukunft aufzubauen. Sie sollen Vergangenes verarbeiten und es hinter sich lassen können. Dies bedeutet, nicht nur ihre ersten physischen Bedürfnisse zu decken, sondern auch die psychischen.

 

Den vollständigen Artikel in der NZZ finden Sie hier.

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