15.03.2016 - Pressespiegel

Was läuft falsch? Kinder haben Rechte

Gastkommentar von Vito Angelillo, Geschäftsleiter von Terre des hommes.
Neue Zürcher Zeitung, 15.03.2016

Das Tauziehen über die Teilnahme an den Friedensverhandlungen in Genf hat nur zu einem Ergebnis geführt: Die Gespräche wurden mehrmals vertagt. Die Teilnehmer konnten und wollten sich nicht einigen. Währenddessen sterben im syrischen Bürgerkrieg trotz Waffenruhe täglich weitere Zivilisten. Die kühlen Statistiken besagen, dass es 2015 im Durchschnitt jeden Tag zehn Kinder traf, die dem Konflikt zum Opfer gefallen sind. Weitere sterben auf der Flucht oder in Flüchtlingslagern. Und das wird so weitergehen, solange die internationale Staatengemeinschaft und vor allem die Verhandlungsteilnehmer ihre Pflichten, die sie mit der Uno-Kinderrechtskonvention angenommen haben, nicht vollständig wahrnehmen.

Mit der Ratifikation der Konvention haben sich alle Staaten darauf geeinigt, dass Kinder, die abhängig von der Willkür Erwachsener sind, in ihren Grundrechten geschützt werden müssen.

Dass die Greueltaten in Syrien seit fünf Jahren von internen und geopolitischen Machtspielen sogar noch gefördert werden, ist ein Indiz für die völlig inakzeptable untergeordnete Bedeutung der Leidtragenden. Das Schicksal der Kinder hat auf der Tagesordnung der Kriegsparteien keinen Platz. Das belegen die Luftangriffe auf Wohngebiete, Schulen und Krankenhäuser. Das muss sich ändern, aber dafür müsste man es ehrlich wollen.

Als führendes Schweizer Kinderhilfswerk stehen für uns die Rechte der kleinsten und hilflosesten Opfer dieser Krise im Mittelpunkt. Während man im friedlichen Genf die Verhandlungen neu plant, könnten sich die Teilnehmer doch einen Moment Zeit neh-
men, um an ihre eigenen Kinder zu denken. Sie sollen sich vorstellen, was es bedeutet, die eigenen Töchter und Söhne verletzt oder sterben zu sehen oder mit ihnen in ein fremdes Land zu flüchten.

Statistiken besagen, dass 2015 im Durchschnitt zehn Kinder jeden Tag dem Konflikt zum Opfer gefallen sind.

Sie wissen, was dort auf sie warten würde. In den Nachbarländern Syriens leben die Flüchtlinge in Armut, meistens ohne legalen Status. Abertausende Kinderflüchtlinge wachsen dort auf. Sie sind entwurzelt, ohne Bezug zu einem Heimatland, das sie nicht mehr kennen, ohne Rechte im Gastland, ohne Perspektive für die Zukunft. Sie arbeiten in den Strassen, statt zur Schule zu gehen, sie leiden Hunger und werden krank. Zugang zur staatlichen Grundversorgung haben sie keinen.

Ein Kind – da sind sich alle Staaten der Welt gemäss Kinderrechtskonvention einig – hat ein Recht auf Obdach, ein Recht, ernährt zu werden, ein Recht auf Gesundheit, ein Recht, vor Ausbeutung geschützt zu werden, und ein Recht auf Bildung. Mit jedem
Tag, an dem keine ernsthaften Friedensverhandlungen stattfinden und das Kriegsgeschehen fortgeführt wird, werden diese Grundrechte mit Füssen getreten.

Eigentlich müsste jeder einmal an diese Kinder denken, als ob es seine eigenen wären. Sie sind keine Statistiken, sie sind kein Treibgut in einer lästigen Flüchtlingswelle. Sie sind und bleiben zuallererst Kinder und müssen als solche betrachtet werden. Sie sind Kinder, die für das, was mit ihnen geschieht, keinerlei Verantwortung tragen. Sie sind Kinder und verdienen deswegen besonderen Schutz, egal ob in Syrien, unterwegs im Balkan, in einem Flüchtlingscamp in Libanon oder in einem Aufnahmezentrum in Europa.

Die Kinder Syriens haben ein Recht auf ein normales Kinderleben, auf Schutz und Gesundheit und auf eine Heimat. Jedes Land, auch Syrien, hat sich mit der Uno-Kinderrechtskonvention dazu verpflichtet. Diese gilt absolut, also auch im Kriegsfall.

Wir fordern daher alle Kriegsparteien dazu auf, sich ihrer Verantwortung als Menschen, Eltern und Vertreter ihrer Staaten und Interessengemeinschaften bewusst zu werden. Im Namen der Kinder und leidtragenden Zivilisten in Syrien und auf der Flucht muss dringend eine politische Lösung für ein Ende dieses Konflikts ge-
funden werden.

Vito Angelillo ist Geschäftsleiter des Kinderhilfswerks Terre des hommes.

In der Rubrik «Was läuft falsch?» beschreiben Verbände und Organisationen, was sich ihrer Meinung nach in der Schweiz ändern müsste.

Bildnachweis: ©Tdh

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