30.08.2015 - Stellungnahmen

Flüchtlingskrise: Vito Angelillo erklärt

Wie beurteilen Sie die europäische Reaktion auf die aktuelle Flüchtlingskrise?

Europa hat zu wenig getan, um den von der Krise am schwersten betroffenen Ländern zu helfen: die Türkei – mit zwei Millionen Flüchtlingen zu betreuen – hat wiederholt um Unterstützung gebeten; im Libanon besteht ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus Flüchtlingen (mehr als 1,1 Millionen Menschen); in Jordanien werden die Bedingungen für die 630‘000 Flüchtlinge immer schwieriger. Es kann keinen unserer gewählten Volksvertreter überraschen, dass Flüchtlinge mit keinerlei Perspektive, ihr Leben in den Nachbarländern Syriens wieder aufzubauen, eine glücklichere Zukunft in Europa suchen. Trotzdem scheint die Politik immer noch völlig unvorbereitet zu sein. Und was noch schlimmer ist: in der Schweiz hat man den Eindruck, es gebe ein stilles Übereinkommen, die Debatte über die Krise bis nach den Wahlen zu vertagen. Diesen Luxus haben die Flüchtlinge nicht.

Unterscheidet sich die neue Flüchtlingswelle, die über Griechenland und Mazedonien kommt, von den vorherigen, die Lampedusa von Nordafrika aus erreichten?

Die anhaltende Debatte darüber, ob jeder Flüchtling ein “echter” sei, ist irreführend und gefährlich, weil sie die dringend notwendige, humanitäre Hilfe verzögert. Sehen wir uns die Fakten an: die grösste Flüchtlingsgruppe in Europa kommt aus Syrien, einem Land, in dem seit mehr als vier Jahren Krieg herrscht. (Eine grosse Anzahl kommt aus Irak und Eritrea, Ländern, die entweder ebenfalls von Kriegen oder politischer Unterdrückung heimgesucht werden.) Laut UNCHR “waren vergangenes Jahr 51% der Flüchtlinge (weltweit) unter 18 Jahre alt. Dies ist die höchste seit mehr als einem Jahrzehnt registrierte Anzahl an Kinderflüchtlingen.” Anstatt den Anspruch der Flüchtlinge in Frage zu stellen – und die unfaire Last deren Betreuung bei einigen wenigen europäischen Ländern zu belassen – muss die gesamte Staatengemeinschaft schnell für eine nachhaltige Lösung sorgen, und nie vergessen, dass unabhängig von ihrer Herkunft und der Gründe ihrer Flucht, Kinder in humanitären Krisensituationen einen erhöhten Schutzbedarf haben.

Was hat Tdh bisher an Hilfe geleistet?

Seit Beginn der Syrienkrise, haben wir uns auf die Unterstützung der Flüchtlinge in Syrien selbst sowie in Jordanien, dem Libanon und Ägypten konzentriert. Zu unserem Einsatz dort gehört humanitäre Hilfe für neu angekommene Flüchtlinge, Kinderschutzprogramme – auf der Basis der Grundrechte von Kindern auf gesunde Nahrung, medizinische Fürsorge, Bildung, sowie psychologischen und emotionalen Beistand.

Wir sind auch in Europa tätig – in Italien, wo wir unsere Schwesterorganisation Terre des hommes Italien bei der Betreuung von Kindern unterstützen, die aus Nordafrika nach Lampedusa, und dann nach Sizilien gelangt sind, aber auch in Griechenland, Serbien und Ungarn, wo wir mit lokalen Hilfswerken zusammenarbeiten.

Tdh ist ausserdem Mitglied einer Koalition von mehr als 40 Hilfswerken, die Kindermigranten im Rahmen des Projektes “Destination Unknown” zur Seite stehen.

Wie wird Tdh auf die sich ausbreitende Krise in Europa reagieren?

Die Schweizer Bevölkerung hat unsere Projekte schon grosszügig unterstützt. Es ist aber eine traurige Realität, dass der Krieg in Syrien noch lange nicht zu Ende ist. Wir brauchen dringend zusätzliche Spenden, um unsere Einsätze im Mittleren Osten zu finanzieren und neue Projekte in Europa zu lancieren.

Können wir uns nicht darauf verlassen, dass nationale Regierungen und die EU die Krise in Europa in den Griff bekommen?

Die Verantwortlichen in Europa können nicht behaupten, sie hätten die Krise nicht kommen sehen. Der Konflikt hält schon seit mehr als vier Jahren an. Trotzdem ist die internationale Gemeinschaft seiner Verpflichtung nicht nachgekommen, Flüchtlingen eine sichere, würdige Existenz in den Nachbarländern Syriens zu ermöglichen. Und Europa ist ganz offensichtlich nicht darauf vorbereitet, die Tausenden von Flüchtlingen zu betreuen, die jetzt vor ihren Grenzen stehen. Wo Regierungen versagen, ist es unsere humanitäre Aufgabe, Familien, die vor Krieg und Unterdrückung fliehen mussten, zu helfen.

In einer solch komplexen Situation reichen simplistische Lösungen nicht. Europäische Regierungen müssen zugleich ihre Arbeit auf vier Schwerpunkte richten.

  1. In den Herkunftsländern der Flüchtlinge müssen sie zur Wiederherstellung sicherer, langfristigerer und menschenwürdigerer Lebensbedingungen beitragen, um die Anzahl Menschen auf der Flucht zu verringern.
  2. Sie müssen entlang den Fluchtkorridoren Schutzmassnahmen einführen, damit Ausbeutung und Gewalt der extremen Notlage nicht hinzugefügt werden.
  3. Sie müssen den Flüchtlingen, die in Europäischen Ländern ankommen, menschenwürdige Lebensbedingungen und Unterstützung gewährleisten.
  4. Sie müssen ihre Arbeit gegen die Menschenhandel-Netzwerke, die von der Notsituation der Flüchtlinge profitieren und sie manchmal bis zum Tode ausbeuten, fortsetzen, anstatt sich auf die Unterdrückung der Flüchtlinge selbst zu fokussieren.

Anstatt die sinnlose Debatte über „echte und falsche Flüchtlinge” fortzusetzen, muss man öffentlich anerkennen, dass der einzige Grund dafür, warum Familien und Kinder so weit gereist sind, ist dass sie keine andere Wahl haben, dem Krieg und der Unterdrückung zu entfliehen.

Mit einer Spende können Sie uns unterstützen die Flüchtlingskinder zu schützen.

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