08.09.2011 - Actualité

Afghanistan: Von zu Hause weglaufen

_Von Jeremie Bron, Informations- und Kommunikationsbeauftragter des Konsortiums für Kinderrechte von Terre des hommes

«Mein Vater ist tot und mein Onkel wollte mich zwangsweise mit einem Typen verheiraten, den ich nicht mag. Deshalb lief ich von zu Hause weg und kontaktierte einen anderen Jungen. Der brachte mich dann nach Jalalabad, wo wir eine Nacht in einem Hotel verbrachten. Wir wollten nach Kabul weiterreisen, wurden jedoch in der Nähe des Kabuler Busbahnhofs von der Polizei verhaftet. Sie übergab mich dem Jugendanwalt und steckte den Jungen in ein Gefängnis für Erwachsene. Jetzt bin ich im JRZ (Jugendrehabilitationszentrum) und der Junge befindet sich in Haft.» (ein 16-jähriges Mädchen 16)

In Afghanistan sind Kinderheiraten ein weit verbreitetes Phänomen. Obwohl das gesetzliche Mindestalter für Jungen bei 18 und für Mädchen bei 16 Jahren liegt, verheiraten viele Familien ihre Kinder – insbesondere Mädchen – schon viel früher. Einem alten Brauch zufolge – dem Badh – können Mädchen manchmal sogar als Wiedergutmachung für eine von einem männlichen Familienmitglied begangene Straftat eingesetzt werden. Im Allgemeinen akzeptieren Mädchen, die Opfer von Zwangsheiraten oder Badh werden, ihr Schicksal, verbringen das ganze Leben mit einem Mann, den sie nicht lieben, und ertragen unter Umständen resigniert sexuelle Gewalt, Schläge und Brutalität. Nur wenige verweigern ein solch bitteres Schicksal und laufen von zu Hause weg. Was sie dann erwartet, ist nicht viel besser: Traditionsgemäss gilt Weglaufen als Vergehen. Die Tatsache, dass dieses Vergehen im afghanischen Strafgesetzbuch nicht aufgeführt ist, hindert die Gemeinschaften nicht daran, weggelaufene Mädchen zu bestrafen.

Mädchen und Frauen werden in allen Gesellschaftsschichten diskriminiert. Ohne den Schutz des Ehemanns oder eines männlichen Verwandten haben sie keine Rechte. In juristischer Hinsicht werden sie nur sehr selten als Männern oder unabhängigen Personen ebenbürtig behandelt. Wenn sie von zu Hause weggehen, lehnen sie ihren Ehemann wissentlich ab und machen einen Sprung ins Unbekannte. Sie werden von Verwandten verstossen, da ihr Verhalten eine inakzeptable Schande über die gesamte Familie bringt. Die Folge davon ist, dass sie sich oft nur an einen Freund wenden können, was weitere Anschuldigungen wegen Unzucht oder Ehebruch zur Folge hat und sie ins Gefängnis bringt. Während Männern solche Sünden vergeben werden, sind Mädchen für immer gebrandmarkt, ob sich die Anschuldigungen als berechtigt erweisen oder nicht.

Das Hauptproblem ist die strikte afghanische Kultur von Stolz und Schande. Weglaufen von zu Hause ist in Afghanistan ein gesellschaftliches Tabu, wenn es um Mädchen geht. Mädchen schämen sich ihres Verhaltens. Beschämte Eltern würden ihre Töchter lieber sterben sehen, als dass sie ins Gefängnis gehen oder der Unzucht verdächtigt werden. Nach Ablauf der Strafe müssen einige Mädchen im JRZ bleiben, weil kein männlicher Verwandter sich um sie kümmern will. Manche müssen auch bleiben, um vor der eigenen Familie sicher zu sein. Es gibt einige von NGO geführte Aufnahmezentren (etwa 14 im ganzen Land), die weggelaufenen Mädchen Zuflucht bieten und sie vor einer traditionellen oder willkürlichen Justiz bewahren. Die Regierung tut hingegen nichts, um das Problem an der Wurzel anzupacken und Mädchen vor den Folgen einer Frühehe zu schützen.

Fabrice Crégut, Jugendstrafrecht-Koordinator des KKR, gibt weitere Auskünfte zum Thema.

Fabrice Crégut, Jugendstrafrecht-Koordinator des KKR, gibt weitere Auskünfte zum Thema.

_Wie viele von zu Hause weggelaufene Mädchen befinden sich derzeit in Haft? Handelt es sich um ein weit verbreitetes Phänomen? _

Fabrice Crégut: Man sollte zwischen «von zu Hause weggelaufen» und anderen damit verbundenen Vergehen unterscheiden. In einer jüngeren Urteilsbegründung ruft der oberste Gerichtshof Afghanistans in Erinnerung, dass im afghanischen Strafrecht «Weglaufen von zu Hause» nicht als Vergehen bezeichnet wird und deshalb niemand für das unerlaubte Verlassen eines Haushaltes verurteilt werden sollte. Die Verbrechen des «Ehebruchs» beziehungsweise der «Unzucht» (die auf Dari unter dem Begriff «Zena» zusammengefasst werden) sind hingegen «moralische» Straftaten, für die man ins Gefängnis kommen kann.

Der Begriff «Weglaufen von zu Hause» wird missbräuchlich verwendet, um ein Vergehen zu bezeichnen. Er beruht auf religiösen Prinzipen, denen zufolge ein Mädchen ohne Zustimmung der Familie das Zuhause nicht verlassen darf. In der Vergangenheit wurden in Afghanistan viele Mädchen illegal in Haft genommen, nur weil sie von zu Hause weggelaufen sind. Dies sollte heute nicht mehr der Fall sein, wenn das afghanische Gesetz zur Anwendung kommt; leider gibt es in abgelegenen Gegenden aber immer noch viele Fälle.

Zurück zur Frage: Die Anzahl Mädchen, die wegen so genannter «moralischer Verbrechen» in Afghanistan inhaftiert sind, ist im Vergleich zur Gesamtzahl afghanischer Kinder (etwa 12 Millionen) relativ gering. Weniger als 100 Mädchen sind wegen eines Verbrechens im Zusammenhang mit dem Weglaufen von zu Hause inhaftiert, in den meisten Fällen wegen Ehebruchs oder Unzucht. Moralische Verbrechen sind der Haftgrund für die überwiegende Mehrheit der Mädchen.

Das Problem ist nicht so sehr die Anzahl dieser Mädchen als die negativen Auswirkungen auf die Kinder. Wenn ein 16-jähriges Mädchen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, manchmal ungeachtet der Tatsache, dass es schwanger ist oder bereits ein Baby hat, versäumt es einige der wichtigsten Jahre der Frauwerdung. Es verpasst nicht nur die Schule und wichtige Ausbildungsetappen, um später einen Job und eine Rolle in der Gesellschaft zu finden, es wird auch ständig das Stigma seiner «Schuld» tragen und von Ehemann, Familie und Gemeinschaft abgelehnt werden. So ist es sehr schwer, einen Job oder Ehemann zu finden und allenfalls Kinder aufzuziehen. Der Start ins Leben erfolgt mit einem enormen Handicap.

Wenn das Weglaufen von zu Hause kein Vergehen ist, warum landen diese minderjährigen Mädchen dann im Gefängnis?

Fabrice Crégut: Wie wir bereits gesehen haben, gibt es mindestens zwei Gründe, weshalb Mädchen wegen eines moralischen Verbrechens ins Gefängnis kommen. Der erste ist das Vergehen der Unzucht, die vom afghanischen Gesetz untersagt ist. Der zweite Grund ist Ehebruch, das heisst, wenn eine verheiratete Person eine aussereheliche Beziehung zu einer anderen Person hat.

Das Problem entsteht, wenn Eltern eines ihrer Kinder mit einer älteren Person oder mit jemandem verheiraten, den das Kind nicht mag. Dies kann aus unterschiedlichsten Gründen geschehen, da die Eltern in einigen Fällen für die Braut eine Entschädigung erhalten (in bar oder Naturalwerten wie zum Beispiel eine andere Braut). Wenn sie die Meinung ihres Kindes, zum Beispiel ihrer Tochter, missachten, akzeptiert das Mädchen entweder, das ganze Leben entgegen seinem Willen mit dieser Person zu verbringen, oder es kommt zu Problemen.

Sobald es in der Familie des älteren Mannes ist, wird dem Mädchen bewusst, was es für den Rest seines Lebens zu erwarten hat; es entscheidet sich dann, den neuen Haushalt zu verlassen und bei jemand anderem Zuflucht zu suchen, in den meisten Fällen bei einem jüngeren Mann. Die Mädchen gehen kaum zur eigenen Familie zurück, da sie ja von ihr mit dem älteren Mann verheiratet wurden und von ihr deshalb kein Verständnis für das eigene Leid erwarten. Wenn das Mädchen mit der besagten Person Geschlechtsverkehr hat, handelt es sich um Ehebruch und der Ehemann (oder die Ehefrau) kann es strafrechtlich belangen.

Das Mädchen befindet sich dann in einer sehr heiklen Lage, da sowohl die eigene als auch die Familie des Ehemanns erbost sind. Sein Leben kann gar gefährdet sein. Manchmal senden Staatsanwälte und Richter Kinder auch «zu deren eigener Sicherheit» in Jugendhaftanstalten, was klar gegen sämtliche Menschenrechtsstandards verstösst. Mangelnde Initiative, Alternativen zu Haftstrafen für Kinder anzuwenden, kann zum selben Ergebnis führen.

Sind Heiraten unter 18 Jahren in Afghanistan legal?

Fabrice Crégut: Das Zivilgesetzbuch von 1977 legt das Mindestheiratsalter für Jungen bei 18, für Mädchen bei 16 Jahren fest. Zu diesem Prinzip kann es aber Ausnahmen geben und ein Vater kann seine Tochter bereits mit 15 Jahren verheiraten. An einigen Orten werden aber leider noch die Bestimmungen des früheren Heiratsrechts von 1971 befolgt, die besagten, dass Braut und Bräutigam verheiratet werden können, sobald sie «reif» sind.

In Afghanistan ist es allgemein üblich, dass Eltern den künftigen Partner für ihr Kind auswählen. Man geht davon aus, dass etwa 54% der Kinder in Afghanistan vor dem 18. Geburtstag verheiratet werden. Diese Tradition ist tief in der afghanischen Kultur verwurzelt. Der Hauptgrund dafür ist, dass je älter ein Kind ist, es umso schwieriger wird, einen Partner zu finden. Die Eltern wollen deshalb die Zukunft ihres Kindes sichern. Manchmal stimmen Eltern aus unteren Gesellschaftsschichten der Verheiratung ihrer Töchter mit älteren, wirtschaftlich gut gestellten Männern auch deshalb zu, weil sie sich damit eine bessere Bildung für sie erhoffen.

In Afghanistan wird die Verheiratung junger Leute durch ihre Eltern nicht als Problem betrachtet, solange die Meinung beider Betroffenen berücksichtigt wird. Es kann aber zum Problem werden, selbst wenn die Kinder etwa gleich alt sind, wenn diese kein Mitspracherecht haben. Zu offensichtlichen Problemen kommt es, wenn ein älterer, manchmal schon verheirateter Mann mit Kindern ein unter 18-jähriges Mädchen heiratet.

_Besteht auf politischer Ebene ein Wille, dieses Problem anzugehen? Gibt es bereits Fortschritte? _

Fabrice Crégut: Das Problem der Frühehe und ihrer negativen Auswirkungen ist Teil eines grösseren Problems im Zusammenhang mit der Reform des afghanischen Zivilrechts, das mit Genderfragen nicht unvertraut ist.

Einige Untersuchungen hoben hervor, dass das Zivilgesetzbuch von 1977 revidiert werden müsse, da es nicht mit internationalen Menschenrechtsstandards übereinstimme. Die Hauptthemen sind: Das heiratsfähige Alter von Jungen und Mädchen sei nicht dasselbe; das Konzept der Einwilligung ist nicht klar definiert und ein Fehlen derselben wird nicht als Grund für die Annullierung einer Ehe erachtet; es besteht zudem eine Ungleichheit zwischen Mann und Frau beim Recht, eine Heirat zu beenden, aber auch hinsichtlich des Gehorsams der Frau.
Afghanistan hat 2003 das Internationale Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau von 1981 ratifiziert und Genderfragen sind eines der wichtigsten Querschnittsthemen der Nationalen Entwicklungsstrategie des Landes.

Man kann aber sagen, dass in einer Gesellschaft, für die das Konzept der Gleichstellung der Geschlechter noch sehr neu ist und im Widerspruch zur Kultur steht, Fortschritte nur langsam erfolgen.

Welche Zukunft erwartet diese Mädchen? Gibt es Strukturen / Organisationen für ihre Wiedereingliederung?

Fabrice Crégut: Die Zukunft dieser Mädchen ist verbaut, weil sie von ihren Familien, Ehemännern und Gemeinschaften abgelehnt werden. Sie verfügen nicht über die notwendige Bildung, um einen Job zu finden, der ihnen ermöglicht, unabhängig zu werden und Kinder aufzuziehen. Kommt es zur Scheidung, können sie nur sehr schwer einen neuen Ehemann finden, der sich um sie kümmert (ausser es gelingt ihnen, den Mann zu heiraten, zu dem sie eine Beziehung hatten). Sie stehen somit vor einer enormen Herausforderung.

Terre des hommes und andere Vertreter der Zivilgesellschaft leisten heute Lobbyarbeit, damit moralische Verbrechen entkriminalisiert und diese Mädchen in Strukturen untergebracht werden, meistens von NGO geführten Zufluchtsstätten, wo sie geschützt sind und die notwendige Erziehung und Berufsausbildung erhalten, um einen Job zu finden.

“Weitere Informationen über die Aktionen von Terre des hommes in Afghanistan”:/de/countries/afghanistan