Herzschläge vor den Pforten
von Mossul 

Traumatisiert, erschöpft und schutzbedürftig – Hunderttausende irakischen Familien fliehen vor der Herrschaft des Islamischen Staates.

Veröffentlicht im Juni 2017


Als die Sonne aufgeht, haben sie es fast geschafft. Am Ufer des Tigris wartet ein Motorboot, das die nachts geflohenen Familien in die relative Sicherheit der Kleinstadt Sherqat bringen soll.


Bei manchen der verschleierten Frauen macht sich schon während der Überfahrt ein Gefühl von Freiheit breit. Sie ziehen ihre Kopfbedeckung ab und werfen sie ins Wasser. Neben dem Boot driften schwarze Stoffbahnen Richtung Süden. Eine Bestrafung haben sie vorerst nicht zu befürchten, denn kein Soldat vom Islamischen Staat (IS) ist der Gruppe bei Tageslicht bis hierhin gefolgt. Auf der felsigen Anhöhe gegenüber liegen Scharfschützen einer irakischen Miliz auf der Lauer.

Das rettende Ufer.

Am rettenden Ufer werden die Männer von den Frauen und Kindern getrennt. Sie werden von der Miliz abgeführt und befragt, denn die Sorge ist gross, IS-Attentäter könnten sich mit den Familien einschleichen. Auf die Frauen und Kinder warten Betreuer von Terre des hommes, dem einzigen internationalen Hilfswerk, das sich hierher, so nah an die Front gewagt hat.

Der ‘Field Coordinator’ Patrick Freymond hat das Aufnahmezentrum für Familien aufgebaut. Die Situation der Vertriebenen sei sehr kritisch, sagt er. „Um den Kämpfen und Bombardierungen zu entkommen, haben sie alles stehen und liegen lassen. Wenn sie bei uns ankommen, haben sie nichts.“  Umso grösser ist die Freude der Mütter, die nach der Ankunft Nahrungsmittel, Decken und Kleider für die Weiterreise erhalten, und Zeit haben, die von Terre des hommes eingerichteten Waschräume zu benutzen.

Noch ausgelassener reagieren die Kinder, die das Spielzimmer im Tdh-Empfangshaus betreten. Unter der IS-Herrschaft haben sie zwei bis drei Jahre lang kein Spielzeug mehr gesehen. Jetzt können sie sich kaum halten. Sie rennen auf die Puppen und die Malsachen zu, schnappen sich einen Fussball und rennen hinaus auf den kleinen Spielplatz.


Doch bei Eintritt der Dunkelheit müssen alle ins Haus, denn nachts setzen IS-Kämpfer regelmässig über den Tigris. „Sie wissen, dass es mit ihnen zu Ende geht“, sagt Patrick Freymond. „Sie wollen aber lieber einen Heldentod sterben als sich zu ergeben.“


Eine unruhige Nacht.

Im Empfangszentrum sind auch diese Nacht Schusswechsel zu hören. Muss das Zentrum mit den gerade angekommenen Familien evakuiert werden? Das Tdh-Team steht im ständigen Kontakt zu den Milizen, die Sherqat verteidigen.
 
„Dank unserer Verbindungsoffiziere wissen wir fast sofort, wenn etwas geschieht“, sagt Patrick Freymond.

Tdh wird hoch angerechnet, dass wir als erste NGO für die intern Vertriebenen hier waren. „Die Menschen kennen uns, schätzen unseren Einsatz, und würden uns – wie sie selbst sagen – mit ‚Zähnen und Klauen’ verteidigen. Daher fühlen wir uns so gut geschützt.“

Am nächsten Tag möchte Nubras so schnell wie möglich weiter. Die Zwölfjährige hat Angst vor dem IS. „Es gibt ständig Schüsse und Bomben. Die drohen uns, allen die Kehle durchzuschneiden.“ Mit ihrer Familie fährt Nubras weiter auf der Strasse in Richtung Süden und der Grossstadt Tikrit.


Für sie, sowie für unsere Mitarbeiter, bergen solche Autofahrten immer Risiken. Doch an vielen Checkpoints bedeutet der Name Terre des hommes fast so viel wie ‚Sesam öffne dich!‘, denn die Milizen wissen, was unsere Mannschaften bereits in der Region geleistet haben. Auch in Tikrit war Terre des hommes als erstes internationales Hilfswerk vor Ort. Dass wir zunächst die überlebenswichtige Wasserversorgung wiederhergestellt haben, werden die Milizen, die unsere Mitarbeiter hier und an der Front in Sherqat beschützen, nicht vergessen.


„Mitten in der Nacht sagten meine Onkel, wir müssten los. Stundenlang sind wir ohne zu essen gelaufen.“

Mohammad, 5 Jahre alt


Im Nazrawa-Camp in der Nähe von Kirkuk hat Tdh ein sogenanntes „Child Friendly Space“ eingerichtet, einen geschützten Bereich, in dem Kinder Volleyball und Fussball spielen können, und wo Unterricht stattfindet. Am Eingang stehen die Kinder Schlange. Es können höchstens 50 auf einmal an den Aktivitäten teilnehmen. Fady Shamoon arbeitet hier für Terre des hommes. Wie Patrick Freymond ist er für die Sicherheit und den Aufbau von weiteren Aufnahmezentren an der Front verantwortlich. „Es motiviert mich, anderen etwas geben zu können.“

„Mit Tdh wollen wir so nah wie möglich an die Front, um den Bedürftigen zu helfen, die dort ankommen. Neulich wollten wir ein neues Zentrum aufmachen, sind um 5 Uhr in der Früh gut vorbereitet losgefahren, kamen auf der ungeteerten Strasse aber schlecht voran. Wir sind erst um Mitternacht zurückgekehrt, weil wir ohne Licht mit 3 km/h fuhren, um nicht vom IS entdeckt zu werden.“

Trotz der Risiken will Fady unbedingt versuchen, weitere Empfangszentren für flüchtende Familien aufzumachen. „Ich werde meinen Kollegen weiterhin helfen“, sagt er, „weil eine innere Stimme mir sagt‚ arbeite, arbeite, hör nicht auf‘.“

Fady, officier de liaison

Insgesamt gibt es 3 Millionen intern Vertriebene in Irak. Als die ersten vor zwei oder drei Jahren ankamen, hatten sie noch Geld, vielleicht auch andere Wertsachen: Gold, Schmuck, ein Auto. Doch es wurde immer schwieriger, sich selbst zu versorgen. Inzwischen haben die meisten alles verkaufen müssen. Arbeit gibt es wenig und die lokale Bevölkerung, die anfangs grosszügig geholfen hat, ist dabei, ihrer Willkommenskultur müde zu werden.


Einen letzten Ausweg suchen viele Vertriebene in Flüchtlingslagern. 500‘000 Menschen sind bereits in solchen Camps untergebracht worden. Die Zahl wird weiter ansteigen, denn die Behörden bringen alle neuen Vertriebenen hierhin, um die unter dem Zustrom leidenden Städte zu entlasten.


Da wir seit Beginn des Konflikts in der Autonomen Region Kurdistan aktiv sind, konnten wir unsere Aktivitäten schnell auf Gebiete ausweiten, wo die Bedürfnisse der Kinder am grössten waren und es noch keine humanitäre Hilfe gab. Dank unserer guten Beziehungen zu den Behörden arbeiten wir nun auch in Regionen nahe der Frontlinie, um Einwohner, denen die Flucht gelingt, möglichst schnell zu unterstützen.

Im Jahr 2016

65'000

vertriebene Leute wurden täglich mit Trinkwasser versorgt

42'000

Kinder besuchten psychosoziale und Freizeitaktivitäten

165'000

Personen profitierten von der Verteilung von Unterkunfts- und Nothilfekits

Der Einsatz von
Tdh im Irak.

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