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Frühehen und Kinderarbeit

Auswirkungen der Syrienkrise

Um dem Krieg zu entrinnen, überqueren syrische Familien die Grenze und sammeln sich in Notunterkünften im Libanon.

Da es ihnen an Mitteln fehlt, entschliessen sich die Väter, ihre Töchter zu verheiraten. Sie hoffen, dass die künftigen Ehemänner sich um sie kümmern und ihre Zukunft sicherstellen werden. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Diese Ehen vernichten auf einen Schlag die Kindheit und die Träume Tausender Mädchen.

Wir haben uns mit sehr jungen Mädchen unterhalten können, die mit 12 oder 13 Jahren schon verheiratet und Mutter sind. Sie waren einverstanden, uns zu schildern, wie sie diese Situation erleben. Xavier Colin, Journalist und Botschafter von Terre des hommes (Tdh), ist ihnen im Südlibanon begegnet. Er lässt sie in einem Dokumentarfilm zu Wort kommen, der in Tyros und Saida gedreht wurde. Wir konnten auch Kindern begegnen, die gezwungen sind, für den Unterhalt ihrer Familien zu arbeiten. Eine schwierige Situation für die ganze Gemeinschaft.

 

«Die Syrienkrise beraubt Tausende von Mädchen und Jungen, die als Flüchtlinge im Libanon leben, ihrer Kindheit.»

Xavier Colin

FRÜHEHE: DAS LOS SYRISCHER MÄDCHEN

Die prekären Lebensverhältnisse syrischer Flüchtlingsfamilien im Libanon bringen Väter dazu, ihre Töchter immer jünger zu verheiraten, um nicht mehr für deren Unterhalt aufkommen zu müssen. Die Eltern wollen glauben, dass die Mädchen mit ihren Ehemännern unter besseren Bedingungen leben werden. Tatsache ist aber, dass sie, einmal verheiratet, jede Hoffnung verlieren, zur Schule zu gehen, eine würdige Arbeit zu finden und der Armut zu entkommen.

Die sozialen, psychischen und seelischen Folgen einer Frühehe für diese Teenager sind dramatisch. All diese noch sehr jungen Mädchen sind weder körperlich noch emotional bereit, Mutter zu werden. Die frühen Schwangerschaften haben bedeutende Auswirkungen auf sie und ihre Babys.

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«Diese Mädchen befinden sich bei jeder Entbindung in grosser Gefahr und haben keine Ahnung, wie man mit Säuglingen umgeht. Diese Ehen haben verheerende Konsequenzen für ihr künftiges Leben und für ihre Gesundheit.»

Sophie Coehlo, Programmkoordinatorin von Tdh im Libanon.

Jedes dritte syrische Mädchen wird vor dem 19. Geburtstag verheiratet. Tendenz steigend.

In fast 20 Prozent der Fälle sind die Männer 10 Jahre älter als die Mädchen, die sie heiraten.

2017 unterstützte Tdh 1380 junge verheiratete Mädchen oder solche, die kurz vor einer Verheiratung standen.

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«Ein Kind ist zu jung, um selbst ein Kind zu haben.»

Remas, 12 Jahre, nimmt an den Präventionsaktivitäten von Tdh teil.

Prävention

Terre des hommes weckt in den Gemeinschaften das Bewusstsein für die Notwendigkeit, ihre eigenen Mädchen zu schützen. Die Organisation unterstützt verheiratete Jugendliche oder solche, die für eine Verheiratung gefährdet sind. Mädchengruppen treffen sich mit Sozialarbeiterinnen oder Psychologinnen. Sie können so ihre Sorgen formulieren, was sie sich für die Zukunft wünschen und offen sagen, was sie über die Heirat denken. Sie fühlen sich verstanden und angehört. Die erhaltene Unterstützung ist auf die jeweilige Situation abgestimmt. Im Rahmen von Freizeitaktivitäten werden sie sich ihrer Rechte bewusst, aber auch der Risiken einer Frühehe für ihre Gesundheit und Zukunft. 

Tdh arbeitet Hand in Hand mit religiösen Würdenträgern. Diese einflussreichen Persönlichkeiten spielen eine massgebende Rolle in den Gemeinschaften. Auf Anregung von Tdh berücksichtigen Scheichs und religiöse Richter heute in ihren Entscheidungen die Interessen der Kinder. Sie erinnern die Eltern daran, dass ihre Kinder Rechte besitzen und dass sie diese respektieren müssen.

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«Die junge Braut muss als Opfer betrachtet werden, das Rechte besitzt.»

Der Richter Mohammad Abou Zaid nutzt jede Gelegenheit, Eltern davon zu überzeugen, ihre Töchter nicht zu früh zu verheiraten und ihre Entscheidung hinauszuschieben. Diese Haltung ist möglich dank der neuen Zusammenarbeit von Scheichen und Tdh-Spezialisten für Jugendstrafrecht.

Xavier Colin berichtet über die Wirklichkeit von Frühehen, in einer exklusiven Reportage, die in den Städten Tyros und Saida gedreht wurde.


FÜR DEN LEBENSUNTERHALT DER FAMILIE ARBEITEN

Im Libanon bevölkern syrische Flüchtlingskinder mehr die Strassen und landwirtschaftliche Betriebe als Schulbänke. In Saida und Tyros arbeiten 120 Kinder für ein paar Dollar am Tag. Wir haben diese Minderjährigen aufgesucht, die von Erwachsenen ausgebeutet werden. Diese Kinder, die vor dem Krieg geflüchtet sind, werden von ihren bedürftigen Familien zur Arbeit gedrängt. 

70 bis 80 Prozent der syrischen Flüchtlingskinder im Libanon arbeiten, um zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen.

«Ich arbeite, um meiner Familie zu helfen. Auf diese Weise kann ich Kleider kaufen und meinen Brüdern, meinen Schwestern und der ganzen Familie helfen.»

Malek, 14 Jahre, syrischer Flüchtling.

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«Als syrische Flüchtlinge werden wir stark diskriminiert. Ich darf im Libanon nicht arbeiten. In der Schule werden meine Jungen von anderen Schülern geschlagen. Ich fürchte, dass sie sich auf der Strasse ausnützen lassen. Wir sind aber so arm, dass wir keine andere Wahl haben, als sie dorthin zu schicken.» 

Ahmed, Vater von sechs Kindern

Die Ausbeutung bekämpfen

Die Kinderschutzspezialisten von Tdh arbeiten mit der Polizei zusammen und intervenieren beim Ministerium für soziale Angelegenheiten. Die Organisation erklärt, was diese syrischen Kinder erleben und warum sie ein Recht auf Rücksichtnahme und Achtung haben. Tdh hilft ihnen, aus der Ausbeutung herauszukommen, sich in das libanesische Schulsystem zu integrieren, und wirkt als Vermittlerin zwischen den Eltern und den lokalen Behörden.

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«Die Bevölkerung beklagt sich, von Strassenverkäufern bedrängt zu werden. Das ist ein echtes Problem für uns. Es gilt, das richtige Gleichgewicht zwischen Verständnis und Strafe zu finden. Es kommt vor, dass wir diese Kinder um Mitternacht nach Hause bringen und sie eine Stunde später wieder an der gleichen Kreuzung finden! Diese Kinder gehören nicht auf die Strasse, sie gehören in die Schule.»

Mohamad Bawwab, Polizist in Tyros.

Eine Kindheit haben

Die Kinder von Tyros und Saida verbringen ihre Tage damit, Autoscheiben zu putzen oder rund um Tomatenpflanzen Unkraut zu jäten, statt Verstecken zu spielen, zu singen, zu zeichnen und sich mit ihren Kameraden zu amüsieren wie andere Kinder. Mit ihren Partnern organisiert Tdh mehrmals pro Woche Freizeitbeschäftigungen in der Nähe der Arbeitsorte dieser Kinder. Während einer oder zwei Stunden lassen sie den Alltag beiseite und werden wieder Kinder. Eine gute Gelegenheit, spezielle Unterstützung für diejenigen zu bieten, die diese nötig haben, riskanten Situationen vorzubeugen und die Kinder auf ihre Rechte aufmerksam zu machen.

Wie helfen? 

Im Südlibanon heiraten Kinder, bekommen Babys und arbeiten. Nichts hat sie auf das Erwachsenenleben vorbereitet. Helfen Sie uns, jungen syrischen Flüchtlingen ihre gestohlene Kindheit zurückzugeben.

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Bildernachweis: © Diego Ibarra