08.07.2019 - Nachrichten

5 Fake News zum Thema Migration

Sind sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge tatsächlich weniger bedürftig als ‘echte’ Flüchtlinge? Ist ein Kind, das ein Handy auf der Flucht dabeihat, nicht auf Hilfe angewiesen? Fördert der globale Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration die Massenimmigration? Hier sind einige Antworten, die helfen, Irrtümer zu entdecken und die Menschen und Geschichten hinter den Zahlen zu sehen.

1. «Es sind Wirtschaftsflüchtlinge – sie brauchen keinen Schutz»

Menschen flüchten aus verschiedenen Gründen, zum Beispiel vor Gewalt und Verfolgung, Naturkatastrophen oder extremer Armut. Es gibt Stimmen, die sagen, wirtschaftliche Gründe für eine Flucht rechtfertigen keine Unterstützung. Was auch immer die Gründe zu migrieren sein mögen, migrierende Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, gehen ein grosses Risiko ein. Häufig werden sie Opfer von sexuellem Missbrauch, Inhaftierung, Ausbeutung durch Kinderarbeit oder werden von bewaffneten Gruppen rekrutiert. Prekäre Lebensbedingungen setzen sie teilweise in Lebensgefahr. Obwohl sie sich diesen Gefahren bewusst sind, verlassen Wirtschaftsflüchtlinge ihre Heimat, weil sie dort kaum Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben.

Egal was der Grund für die Migration ist, migrierende Menschen haben Rechte. Tdh setzt sich ein, damit migrierende oder flüchtende Kinder und Jugendliche Zugang zu ihren Rechten gemäss der Konvention über die Rechte des Kindes haben. Diese besagt, dass Kinder Zugang zu Nahrung, Unterkunft, Ausbildung und Gesundheit haben sollen sowie vor Missbrauch, Ausnützung, einem Einbezug in eine bewaffnete Auseinandersetzung, Menschenhandel, einem unbegründeten Freiheitsentzug oder der Trennung von den Eltern geschützt werden müssen. Kurz gesagt fordert diese internationale Vereinbarung, dass Kinder und Jugendlichen das Recht auf eine Kindheit haben.

2. «Europa ist das Ziel aller MigrantInnen»

In Europa hat man oft den Eindruck, das einzige Ziel der MigrantInnen aus Afrika sei das Mittelmeer zu überqueren. Asylgesuche sind jedoch seit anfangs 2016 drastisch zurückgegangen. Obwohl die ankommenden Menschen in Spanien und Italien im Jahr 2018 hauptsächlich aus afrikanischen Ländern waren, verliessen rund 90 Prozent der afrikanischen Migranten ihre Region nicht. Vor allem junge Menschen migrieren, um den Weg aus der Armut und Arbeit zu finden. Gemäss dem UNHCR bleiben auch 85 Prozent der weltweit vertriebenen Menschen in Entwicklungsländern vorzugsweise innerhalb ihrer Region.

“Wir wollen nicht in ein Land reisen, das eine andere Kultur hat und weit weg von unserem Land Syrien ist. Wir planen nicht, hier in Libanon zu bleiben, aber es ist besser als an einen Ort zu gehen, wo alles anders ist und wo die Menschen einen anderen Lebensstil pflegen. Wir planen sobald wie möglich zurück nach Syrien zu gehen.”

Mutter einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die im Libanon lebt.

So sind mehr als fünf Millionen syrische Flüchtlinge in Nachbarländern ihrer Region wie Libanon, Jordanien und Ägypten untergebracht und Tausende von Familien sind aus Myanmar ins Flüchtlingslager in Bangladesch nur gerade über der Grenze geflüchtet.

3. «Sie brauchen keine Hilfe; sie haben ja ein Smartphone»

Falls in Ihrem Land plötzlich eine Krise ausbrechen würde und Sie ihr Zuhause überstürzt verlassen müssten, würden Sie nicht auch unbedingt Ihr Smartphone mitnehmen?

Kommunikation ist für MigrantInnen unglaublich wichtig, zum Beispiel, um eine erste Verbindung zu ihrer Familie, welche eventuell tausende Kilometer weg von ihnen ist, herzustellen. Für migrierende Kinder ist das Smartphone auch eine Quelle für Informationen und ein Schutz, um sich über riskante Wege zu informieren und um sich über Gesetze in anderen Ländern zu informieren und nicht zuletzt auch um ihre eigenen Rechte kennen zu lernen. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, dass MigrantInnen und Flüchtlinge ihr Budget, das sie für Essen, Kleidung oder Unterkunft benötigen, für ein Smartphone opfern.

Terre des hommes (Tdh) entwickelt technische Möglichkeiten, um Kinder vor Missbrauch und sexueller Ausbeutung während ihrer gefährlichen und unsicheren Migration zu schützen.

Als meine Mutter gestorben ist, war ich auf mich allein gestellt und traf auf andere Kinder in meinem Alter. Ich verrichtete Jobs auf dem grossen Markt in Lomé, um zu überleben. Ich habe meine Ersparnisse einer Frau anvertraut – aber sie hat sich mit meinem Geld aus dem Staub gemacht.” Mit der Bank App, die Tdh mit EcoBank entwickelt hat, “haben wir die nötige Unterstützung und unser Geld wird nicht mehr gestohlen.”

Elie, 13 Jahre alt, Togo

Tdh findet innovative Wege durch die Technologie, wie zum Beispiel der Einsatz einer mobilen App zur Sicherung der Ersparnisse junger Migranten oder um Alarm auszulösen, falls die Rechte von Kindern, die in Goldminen arbeiten, missachtet werden oder zur Unterstützung bei der Gesundheitsvorsorge und Verhütung von Mädchen die als Hausangestellte arbeiten. Tdh bietet mit den Apps auch Schutz und Unterstützung für migrierende Kinder zwischen dem Herkunftsland und in ihren Zielländern.

4. «MigrantInnen sind kriminell»

Wenn MigrantInnen von der Gesellschaft ausgeschlossen sind, befinden sie sich in einer schwierigen Situation, welche zu Kriminalität führen kann. Migration ist jedoch nicht der Grund dafür und Kriminalität nicht die Folge davon. Es geht hier eher um die Frage wie Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten und traumatische Erlebnisse hatten oder sogar Krieg miterlebt haben, behandelt werden und wie sie sich integrieren und sich in ihrer Gastgemeinschaft wieder erholen können.

Integration, Bildung und Vermeidung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit sind die wirksamsten Mittel, um Kriminalität zu bekämpfen. Radikalisierung zu gewalttätigem Extremismus innerhalb der Migranten und Flüchtlingen und deren Nachkommen ist ein Symptom von sozialer Ausgrenzung, angetrieben von ungleichen Machtverhältnissen auf wirtschaftlicher, politischer, sozialer und kultureller Ebene. Bekämpfen wir es!

5. «Mit dem globalen Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration verlieren Staaten die Kontrolle über ihre Souveränität und über ihre Grenzen»

Der globale Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration wurde von der internationalen Gemeinschaft im Jahr 2018 angenommen. Eines der Ziele ist die MigrantInnen und vor allem die Kinder zu schützen, indem die Zusammenarbeit zwischen Ländern im Immigrationsprozess priorisiert wird und die üblichen Migrationswege verbessert, Inhaftierungen von Kindern im Immigrationsprozess verhindert und Familien zusammengehalten werden. Dadurch sollte kein Kind mehr allein oder ohne angemessene Unterstützung bleiben. Obwohl die Schweiz eine wichtige Rolle in den Verhandlungen gespielt hat, hat sie den Vertrag bis heute noch nicht unterzeichnet.

Der Vertrag hindert die staatliche Souveränität nicht: es ist eine Basis, Migration zwischen den einzelnen Staaten zu regeln indem illegale Migration, Schmuggel und Menschenhandel in Angriff genommen werden und über Menschen, die auf der Flucht im Meer umkommen, gesprochen wird. Migration wird auf diese Weise keineswegs gefördert.

“Es bedeutet einen ersten Schritt in Richtung einer neuen politischen Realität, die uns helfen wird, Leistungen für Kinder auf eine effektivere Weise zu erbringen, über Grenzen hinweg und in Partnerschaft mit Regierungen, die Kinderrechte für wichtig erachten.“

Pierre Cazenave, Tdh Regionalmanager des Migrationsprogramms für Kinder und Jugendliche

Migration ist ein globales Phänomen, anstatt allein dagegen anzukämpfen, sollten wir es als Realität akzeptieren. Staaten müssen zusammenarbeiten, um die Migration zu regulieren, damit Familien, Kinder und alle anderen Menschen, die auf der Flucht sind, von Naturkatastrophen fliehen oder wegen Armut auswandern, den Schutz und die Würde erhalten, die sie verdienen. Tdh verpflichtet sich zusammen mit anderen Organisationen auf der ganzen Welt, dieses Vorhaben zu unterstützen damit Migration für jeden funktioniert – für Kinder und Familien, die unterwegs sind und aber auch für die Gesellschaften in den Bestimmungsländern.

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