Nothilfe Rohingya
Mehr als 360'000 Kinder, die Opfer von Gewalttaten wurden, sind nach Bangladesch geflüchtet. Sie brauchen dringend Nothilfe
06.09.2017 - Nachrichten

Kabul: Mit mobilen Hebammen die Bedürftigsten zu Hause unterstützen

Seit über 30 Jahren von Krieg zerrüttet, ist Afghanistan eines der gefährlichsten und gewaltsamsten Länder der Welt. Gesundheitspersonal ist weiterhin Opfer vom Konflikt. Vor allem Familien leiden unter den Folgen der unsicheren Lage. Als Lösung hat Terre des hommes (Tdh) ein Hausbesuch-Konzept mit Hebammen entwickelt, die Familien unterstützen.

Die Müttersterblichkeitsrate in Afghanistan ist eine der höchsten weltweit. Obwohl eindeutige Statistiken schwer erhältlich sind, ist davon auszugehen, dass etwa 8 Kinder und 12 Mütter von 1000 bei der Geburt sterben. Aufgrund der angespannten Sicherheitslage sind Gesundheitseinrichtungen in Afghanistan stets Angriffsziele des Konflikts. Mehr als neun Millionen Menschen haben so nur beschränkt oder keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Die Hebammen von Tdh sind dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden: zu Hause

Die Gesundheitsversorgung von Müttern und Kindern ist weiterhin eine schwierige Aufgabe: In 25 Prozent der Spitäler gibt es keine Hebammen oder ausgebildete Geburtshelferinnen. Zusätzlich erschwert der kulturelle Kontext in Afghanistan es den Frauen, medizinische Hilfe zu bekommen. Ohne Zustimmung der Familie oder des Mannes darf eine Frau kein Spital aufsuchen, weshalb viele ihre Kinder zu Hause zur Welt bringen. Durch ihre Isolation – ohne jeglichen Kontakt zur Gesellschaft – sind die Frauen nicht auf mögliche Kinderkrankheiten sensibilisiert.

Um den akuten Bedarf an Gesundheitsleistungen sicherzustellen, hat Tdh ein «Haus-zu-Haus-Konzept» mit qualifizierten Hebammen entwickelt. Unsere mobilen Hebammne machen Hausbesuche, um Frauen zu betreuen, die keinen Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung haben.

«Das Haus-zu-Haus-Konzept hat grosse Bedeutung in Afghanistan. Die Hebammen kennen den soziokulturellen und epidemiologischen Gesundheits- und Ethikkontext von Müttern und Neugeborenen – eine unabdingbare Basis für eine adäquate Betreuung.»

Dr. Noor Khanum, Verantwortliche des Gesundheitsprojekts in Kabul

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Als die beiden Tdh-Hebammen die 22-jährige Qandi in einer informellen Siedlung für vertriebene Familien am Stadtrand von Kabul besuchen, kämpft diese um ihr Leben. Nach der Geburt ihres fünften Kindes ist sie bewusstlos und blass, die Plazenta hat sich nicht gelöst. Im spärlich beleuchteten Zelt, wo sehr schlechte Hygienebedingungen herrschen, ist sie von vielen Frauen und Kindern umgeben. Die Hebammen Simeen und Nooria, beide seit über 15 Jahren bei Tdh, lassen keine Zeit verstreichen: Sie untersuchen Qandi, messen ihren Blutdruck und behandeln sie, um die starke Blutung zu stoppen. Sobald die Mutter wieder bei Bewusstsein ist, verabreichen sie ihr die notwendigen Medikamente. Am nächsten Morgen besuchen die Hebammen Mutter und Kind und freuen sich, dass beide wohlauf sind.

Hilfe für die Bedürftigsten: Flüchtlingsfamilien und ‚Returnees‘

Einen Schwerpunkt der mobilen Hebammen bildet die Unterstützung der bedürftigsten Flüchtlings- und «Rückkehrer»-Familien in 26 Gebieten von Kabul, die nicht vom staatlichen Gesundheitsprogramm abgedeckt werden. Mit mehr als 600’000 ‚Returnees‘ aus Pakistan – ehemalige afghanische Flüchtlinge, die heimgekehrt sind - und über einer Million Personen, die durch Gewalt und Krieg im Lande selbst vertrieben wurden, ist die Lage für diese Menschen in Afghanistan prekär. Die meisten leben in Behelfsunterkünften und informellen Siedlungen in städtischen Gebieten, wo es am Nötigsten fehlt.

Innovative Hilfe: eine mobile Einheit

«Mütter sind sehr betroffen und stehen extrem unter Stress, wenn ihre Kinder keinen Zugang zur Bildung haben, mit Gewalt konfrontiert werden, ihre Grundrechte nicht kennen und auf der Strasse Geld für ihre Familien verdienen müssen», erklärt Dr. Noor. Um Kinder und Mütter besser zu unterstützen, wurde eine innovative mobile Einheit eingerichtet bestehend aus einer Sozialarbeiterin und einer Hebamme. Dies ist ein Schritt vorwärts, um Müttern und Kindern nicht nur Überlebenshilfe zu bieten, sondern auch Schutzaktivitäten, die ihr Wohlergehen verbessern und ihre Rechte gewährleisten. Dr. Noor ergänzt: «Die mobilen Einheiten werden die Arbeit der Hebammen verbessern, weil Mütter und Kinder unzertrennbar sind. Gesundheit und Schutz stehen in einer engen Wechselbeziehung, ohne Schutz ist Gesundheit unvollständig.»

Unsere mobile Einheit bringt in der Peripherie von Kabul Hilfe für schwangere und stillende Frauen und Babys und zeigt den Müttern gesundheitsfördernde Verhaltensweisen. Unsere afghanischen Hebammen führen in den Gemeinschaften regelmässig Veranstaltungen zur Gesundheitserziehung durch. Allein 2016 informierten sie über 50’000 Frauen und Mädchen über die Bedeutung des Stillens, über Hygiene, Impfungen, Selbstpflege und den Zugang zu Gesundheitseinrichtungen.

Tdh ist momentan die einzige Organisation, die in Afghanistan einen mobilen gemeinschaftlichen Ansatz verfolgt. Unser Haus-zu-Haus-Konzept mit Hebammen, die in der Gemeinschaft leben, ist ein wesentliches Element der Gesundheitsversorgung der Lokalbevölkerung und führt eine Verhaltensänderung herbei, was die professionelle Betreuung von Schwangeren und Neugeborenen angeht. Bis heute konnte unser Team mehr als 60 Prozent der registrierten Binnenflüchtlinge in Kabul helfen. Die Kinderschutz-Komponente erhöht die Wirkung für das Wohlergehen der Kinder und ermöglicht ihnen ein gesundes Leben.

Bildernachweis: ©Fabrice Pedrono

Die vom Sozalarbeiter unternommenen Unterstützungsmassnahmen sind eine unbezahlbare Hilfe für Heela, denn die Familie lebt jetzt friedlicher zusammen und hat ihr Leben so umgestaltet, dass es besser mit jenem eines kleinen Mädchens vereinbar ist.

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