20.06.2017 - Nachrichten

Kenia: Hilfe für die dritte Flüchtlingsgeneration

In Kenia schützt Terre des hommes somalische Flüchtlingskinder in den Lagern von Dadaab. Nachdem die Regierung das Lager Kambioos geschlossen hat und die Flüchtlinge zur freiwilligen Rückkehr nach Somalia auffordert, hilft Tdh heute Kindern im Lager Hagadera. Unser Botschafter Xavier Colin, früher Journalist beim Westschweizer Fernsehen, ist vor Ort gereist und erzählt hier die Geschichte von Salaba.

Es ist eines von vielen Einzelschicksalen, denen Terre des hommes (Tdh) im Lager Hagadera von Dadaab begegnet. Unter den 100’000 Personen in diesem Flüchtlingslager lebt auch Salaba. Die 26-jährige Somalierin hat vier Kinder, ihr Kleinster, Hamza, ist zwei Jahre alt. Der Mann von Salaba verliess das Lager vor einem Jahr, kehrte nach Somalia zurück und wurde aus dem Hinterhalt getötet. Die junge Frau muss nun alleine für ihre Familie aufkommen und hofft auf Bildung für ihre Kinder. Sie ist sehr froh, dass Tdh ihrer kleinen Tochter und ihren drei Buben einen sicheren Ort bietet.

Salaba kennt wie Hunderte anderer Flüchtlingsfamilien jedes Detail der Kinderschutzaktivitäten von Tdh: Dank ihr werden Mädchen und Jungen vor Missbrauch, Gewalt, Ausbeutung und Vernachlässigung geschützt. In einem sicheren Bereich, im totalen Kontrast zum im riesigen Gebiet von Dadaab herrschenden Klima der Gewalt, unterstützt Tdh mehr als 500 Kinder, bietet ihnen Unterricht, Spielplätze, Aktivitäten wie Lesen, Zeichnen, Singen und weitere Schulfächer an, die dieser jungen Generation helfen, Wissen zu erwerben und in Würde aufzuwachsen.

Was denken diese Kinder und ihre Eltern (falls vorhanden) über die Anwesenheit von Tdh und diese Aktivitäten im Lager? Wir haben sie gefragt. Nico, 15 Jahre alt, erzählt uns: «Wir gehen nicht nur zur Schule, wir setzen auch unseren ganzen Stolz daran, dass alle Kinder, die wir kennen, dasselbe tun.» Und Aylan ergänzt: «Es stimmt, dass einige Familien das Lager verlassen haben und nach Somalia zurückgekehrt sind. Doch mit der Zeit kamen sie (falls noch am Leben) wieder nach Dadaab zurück, weil ihre Kinder in einem Land, in dem in den meisten Provinzen immer noch Krieg herrscht, nicht die geringste Chance haben, je zur Schule zu gehen.»

Dabei stellt sich die entscheidende, ganz konkrete und stets ungelöste Frage: Soll Dadaab, bis vor kurzem das grösste Flüchtlingslager der Welt mit einer Bevölkerung von bis zu 480'000 somalischen Staatsangehörigen (heute 245’000), geschlossen werden, wie es die kenianischen Behörden möchten und für notwendig halten? Oder wäre das diskriminierend, wie sich das Oberste Gericht Kenias ausdrückte? Sollen die Flüchtlinge eine freiwillige Rückkehr akzeptieren, die durch eine finanzielle Beihilfe (200 $ pro Person) und andere Anreize gefördert wird? Das Tdh-Personal meint dazu: «Wie können wir wissen, wie die Situation, die Zukunft und das Schicksal all dieser Rückkehrer genau aussieht?»

Salaba hat Angst, das Lager verlassen zu müssen, ob freiwillig oder unfreiwillig. Ihre Kinder ebenfalls. Als ich sie und deren Freunde traf – die Mädchen in ihrer farbenfrohen Landestracht –, war diese junge Generation so stolz, die somalische Nationalhymne zu singen, als Tribut an ein Land, das sie noch nie gesehen haben und vielleicht auch nie sehen werden. Vorerst ist Dadaab ihr Zuhause, dieses spezielle Flüchtlingslager, das seit über 26 Jahren besteht. Salaba ist sich ihrer misslichen Situation durchaus bewusst: Ihre Eltern kamen 1991 hierher. Wenig später wurde sie im Lager geboren. Auch ihre Kinder wurden hier geboren. Sie sind die dritte Flüchtlingsgeneration!

Eine dritte Flüchtlingsgeneration, um die Terre des hommes sehr besorgt ist. Aufgrund ihrer Werte und ihres Engagements gibt die Organisation diesen jungen Menschen alles in ihrer Macht Stehende: Hilfe, Hoffnung und Würde. Genau das, was Salaba für sich selbst möchte. Vor allem aber für ihre Kinder. Und für alle Kinder, die Terre des hommes unterstützt.

Xavier Colin, Botschafter von Terre des hommes

Bildnachweis: © Melanie Rouiller