24.08.2018 - Nachrichten

An der Grenze zwischen Venezuela und Kolumbien „sind die Bedürfnisse enorm und humanitäre Hilfe nahezu inexistent“

Die Krise, die derzeit Venezuela erschüttert, veranlasst Tausende Bewohnerinnen und Bewohner dazu, ihr Land zu verlassen. Viele von ihnen, darunter zahlreiche Familien und unbegleitete Kinder, überschreiten die Grenze nach Kolumbien und treffen dort auf erbärmliche Lebensbedingungen. Marion Prats, Spezialistin für Kinderschutz in humanitären Krisen, war vor Ort und berichtet.

Zusammenbruch der Wirtschaft, Hyperinflation, fehlender Zugang zu Nahrungsmitteln und Medikamenten, Wegfall der Grundversorgung wie Spitäler und Schulen – Venezuela wird von einer politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Krise geschüttelt. In der Hoffnung, dieser Situation zu entkommen, überqueren jeden Tag Zehntausende Venezolanerinnen und Venezolaner die Landesgrenzen. Ihre Zahl variiert je nach Quelle: 462’000 sind offiziell in Kolumbien registriert, doch die gängigsten Schätzungen sprechen eher von einer Million. Es ist gut möglich, dass diese Zahl bis Ende Jahr explodiert.

Die Migrantenfamilien, die häufig illegal und mit nur ein paar Habseligkeiten auf der kolumbianischen Seite ankommen, befinden sich in äusserst prekären Situationen. „Die meisten haben keinen Zugang zur medizinischen Grundversorgung und es fehlt ihnen an Informationen, wie sie ihre Ankunft im Land gestalten sollen. Sie haben grosse Schwierigkeiten, eine Unterkunft zu finden, und schlafen auf der Strasse oder zu über 30 in einem Raum. Um zu überleben, müssen sie ihr ganzes Besitztum verkaufen, informelle kleine Arbeiten übernehmen, Handel betreiben oder kleinere Delikte begehen. Frauen haben oft keine andere Wahl, als ihre Haare (für Haarverlängerungen) zu verkaufen oder sich zu prostituieren“, berichtet Marion Prats, Spezialistin für Kinderschutz in humanitären Krisen bei Terre des hommes, die nach Villa del Rosario und Puerto Santander im Norden Kolumbiens gereist ist.

Ein Teil der Migranten sind Kinder, viele von ihnen sind allein und ohne Eltern. Die Situation der Kinder ist alarmierend. Sie sind oft gezwungen zu arbeiten, manchmal schon mit sechs Jahren, werden mit Stigmatisation und enormen Risiken, insbesondere auch sexueller Gewalt, konfrontiert. Sie haben keinen Zugang zur Schule und auch nicht zu einer menschenwürdigen Unterkunft. Es gibt ausserdem Fälle von Kinderhandel, von Verkauf und sogar von Vermietung von Kindern“, fährt Marion fort.

Trotz der ernsten Lage und des Ausmasses der Bedürfnisse sind nur wenige Organisationen vor Ort, um Hilfe zu leisten. Die Bedürfnisse sind enorm und humanitäre Hilfe nahezu inexistent. Den Menschen – und vor allem den Kindern – fehlt es an allem.“ Die Teams von Tdh mobilisieren sich, um die Öffentlichkeit und Geldgeber zu sensibilisieren, damit die bedürftigsten Kinder möglichst schnell angemessene Hilfe und Schutz erhalten.