14.08.2019 - Nachrichten

Venezuela-Krise: Flüchten, um zu überleben

Hyperinflation und Versorgungsengpässe aufgrund einer politischen Krise trieben in den letzten Jahren mehr als vier Millionen VenezolanerInnen dazu, ihr Land zu verlassen. 1,3 Millionen von ihnen befinden sich in Kolumbien. Seit die venezolanischen Behörden die Grenzen Anfang Juni wieder geöffnet haben, migrieren jeden Tag Tausende Menschen nach Kolumbien. Im weltweit zweitgrössten Migrationsstrom nach demjenigen von Syrien fehlt es ihnen an Grundlegendem wie Zugang zur Gesundheitsversorgung, Unterkunft und Bildung. Das Team von Terre des hommes (Tdh) kämpft jeden Tag vor Ort dafür, dass die Rechte von Familien respektiert werden und dass sie einen sicheren Ort haben, wo sie in Würde neu anfangen können.

«Zwei T-Shirts, zwei Hosen und die Kleider, die mein Baby anhat.» Alle anderen Sachen, die Maria Alejandra* über die Grenze mitnahm, wurden ihr gestohlen. Mit ihrem einjährigen Mädchen auf dem Arm schaut sie sich um: Ungefähr 40 Menschen in ähnlichen Situationen sind gerade in der ersten Notunterkunft angekommen. Dort wird ihnen Suppe und ein Schlafplatz für die Nacht angeboten. Sie hat noch 50 Stunden Fussweg vor sich, bevor sie Bucaramanga erreicht. Das ist ihr nächstes Ziel, bevor sie nach Peru geht. Die kleine Fiora* lächelt uns erschöpft an und lehnt ihren Kopf gegen die Schulter ihrer Mutter.

«Als meine Schwester, die vier Kinder hat, bei mir klopfte, um nach etwas Reis zu fragen und ich nicht einmal genug für mein Kind hatte, beschloss ich, das Land zu verlassen», erzählt Maria Alejandra. Daniel Calzada, Leiter der Region Lateinamerika und Karibik von Tdh, erklärt: «Die Regierung Venezuelas verfolgt eine Wirtschaftspolitik, durch die die Menschen nicht leben können.»

Wochenlang unterwegs

Einige überqueren die Grenze, um die wichtigsten Lebensmittel und Medikamente zu kaufen und wieder zurückzugehen, andere möchten sich in der Grenzregion in Kolumbien niederlassen. Wie viele andere Familien gehört Maria Alejandra und ihre Tochter zu einer dritten Gruppe: Sie besitzen keine offiziellen Dokumente, können also keine öffentlichen Transportmittel nutzen. Die einzige Möglichkeit, die sie haben, um andere Städte oder Länder zu erreichen, ist zu Fuss zu gehen. «Bei sogenannten ‘caminantes’ – Wanderern, sprechen wir von Familien, die auf der Strasse leben, mit all den damit einhergehenden Gefahren», sagt Analia Agudelo Restrepo, Tdh-Koordinatorin in Kolumbien für die Venezuela-Krise.

Auf der 206 km langen Route von der Grenzstadt Cúcuta zur Transitstadt Bucaramanga kann man jeden Tag ungefähr 500 Menschen entlang der engen, kurvigen Strassen durch die Berge gehen sehen. Der Ausblick auf die grünen Hügel und den blauen Himmel ist atemberaubend und bildet einen starken Kontrast zu den erschöpften Menschen, die seit Tagen oder sogar Wochen mit Babys und all ihren Habseligkeiten auf den Armen der Strasse entlangwandern. Am Zeitpunkt, an dem die Nachbarländer beginnen, ihre Einwanderungspolitik zu verschärfen, versuchen sie, diese vor dem Inkrafttreten der Verschärfungen zu erreichen. Sie riskieren, ausgeraubt oder betrogen zu werden. Ihr Lachen ist von der Kälte eingefroren, die sie in den Anden auf halbem Weg nach Bucaramanga erwartet. Ihre Kraft ist von den Schwierigkeiten, eine Unterkunft und wenigstens einmal pro Tag etwas zum Essen zu finden, gebrochen.

Eine der wenigen Organisationen, die auf dem Weg helfen

Tdh engagierte sich als erste Organisation auf der Route, die Cúcuta mit Bucaramanga verbindet, und ist immer noch eine der wenigen NGOs vor Ort. Unsere Sozialarbeitenden machen die schutzbedürftigsten Menschen unter ihnen ausfindig, um ihnen zu helfen. Um zu überleben, geben wir ihnen warme Kleidung, Essensgutscheine, Windeln, Hygienekits mit Toilettenpapier und Zahnbürsten oder manchmal auch Geld, damit sie sich kaufen können, was sie am dringendsten benötigen. Wir sprechen uns auch mit der NGO SOS Children Village ab, die den zweiten Teil der Strasse abdeckt, damit die Schwächsten unter ihnen in ihr Zentrum in Bucaramanga gebracht werden können. Dort werden sie eine Nacht betreut und erhalten Transportmöglichkeiten.

«Wir sind bis nach Bucaramanga gelaufen. Wir haben dafür 15 Tage gebraucht. Wir schliefen draussen bei einer Strassenampel.»

Venezolanische Familie mit zwei Mädchen, haben gerade einen Schlafplatz für die Nacht gefunden

Zum vollständigen Erfahrungsbericht

Lina Marcela Rojas, die Kinderschutzleiterin für die Venezuela-Krise sagt: «Das Profil der MigrantInnen, die ankommen, hat sich innerhalb weniger Monate verändert. Anfang 2019 kamen junge, starke Männer. Jetzt kommen ganze Familien, schwangere Mütter mit Babys. Das zeigt, wie schwierig die Lage in Venezuela mittlerweile ist.»

Humanitäre Hilfe koordinieren

Ein paar Tage später bei der Brücke, die Venezuela von Kolumbien trennt, ist der Zustrom der Menschen immer noch gleich stark. Sie warten stundenlang, um ihren Pass abstempeln zu lassen, ohne Wasser oder Nahrung. Hier koordiniert sich Tdh mit anderen Organisationen wie die UNHCR oder die IOM, um die Situation der Menschen zu verbessern, die die Grenze zu Fuss überqueren, da ihre Regierung ihnen keinen anderen Grenzübertritt erlaubt. Einige Organisationen kümmern sich um die Infrastruktur: Es sind Lautsprecher geplant, um Informationen geben zu können, Toiletten und Waschräume wurden eingerichtet. Als Kinderschutzexpertin kümmert sich Tdh um die Familien, die am dringendsten Nothilfe benötigen.

Zugang zu Bildung und Gesundheit

Nahe der Grenze, wo sich Familien niederlassen, ist der Fokus von Tdh, diesen zu helfen, offizielle Papiere zu organisieren, damit sie Zugang zu ihren Grundrechten haben. «In der Region von Cúcuta gibt es viele schutzbedürftige Menschen, die vor kurzem angekommen sind. Sie erhalten keinen Zugang zu Arbeit und es mangelt ihnen an grundlegenden Dingen wie ein Dach über dem Kopf, Bildung und Gesundheitsversorgung. Das ist alles eine Frage der Papiere, denn mit einem Pass oder einer Aufenthaltsgenehmigung bekommt man Zugang zu diesen Rechten. Deshalb ist es unsere Priorität, ihnen juristische Hilfe zu organisieren, damit sie Papiere erhalten», erklärt Analia.

Rocio, eine kolumbianische Mutter, die nach Venezuela ausgewandert war und nun wegen der Krise zurückgekehrt ist, hatte Schwierigkeiten, Pässe für ihre in Venezuela geborenen Kinder zu bekommen, die notwendig für einen Platz in der Schule sind.

«Jedes Mal, wenn ich mit meiner kranken Tochter zum Arzt ging, liessen uns die Sicherheitsleute nicht vorbei, da sie keine kolumbianische Nationalität hatte. Die Anwälte von Tdh haben uns sehr geholfen. Jetzt haben wir ein Zimmer, eine Versicherung und können zum Arzt gehen.»

Ihr 15-jähriger Sohn Jefferson erzählt: «Mein Traum ist, hier zu studieren. Aber im Moment arbeite ich noch und helfe meinem Vater, ein kleines Unternehmen aufzubauen.» Sein venezolanischer Vater Dixon, der noch keine Aufenthaltserlaubnis hat, hat seine Stelle in der Armee für einen Job als Eisverkäufer an Strassenampeln eingetauscht. Die fünfköpfige Familie lebt in einem 10-Quadratmeter-Zimmer mit einem einzigen Bett. Dixon sagt: «Wir hatten kein Geld mehr, deshalb haben wir die Grenze überquert. Zuerst kam meine Frau mit unserer 5-jährigen Tochter, dann kam ich mit den anderen Kindern.» Mit der Hilfe von Tdh konnten die Kinder Pässe bekommen. «Dadurch kann das Mädchen weiter zur Schule gehen», sagt Rocio dankbar lächelnd. Die Aufenthaltsbewilligung vom Vater ist auf dem Weg. Er ergänzt: «Ich verdiene nicht viel, aber ohne Papiere ist es das Einzige, was ich machen kann. Wir warten auf die Bewilligung. Dann kann mein Sohn sicher bald studieren!»

Schritt für Schritt in die Zukunft

«Am wichtigsten ist es, den Menschen eine Möglichkeit zu geben voranzukommen und Lösungen zu finden. Wir geben ihnen Raum, um ihr Leben zu ändern und den Willen zu sagen: Ja, ich kann etwas für meine Familie tun», erklärt Analia, unsere Projekt-Koordinatorin.

Zu Hause zeigt uns Dixon stolz den Hotdog-Stand, den er am Bauen ist: Die Tränen von vorher, als er uns sagte, wie dankbar er für die Hilfe bei der Beschaffung der Aufenthaltspapiere sei, sind getrocknet, und er lacht über das ganze Gesicht. Er erklärt: «Das Wichtigste für einen Vater ist es, nicht dort zu bleiben, wenn deine Familie hier ist. Ich sagte mir, wenn wir zusammen sind, können wir wieder neu beginnen. Ich will nicht leben, nur um zu essen, um zu überleben. Hier haben wir nicht viel Geld, aber wir können etwas damit anfangen. Der Psychologe von Tdh hat uns sehr geholfen. Mein Traum ist es, ein kleines Restaurant mit meiner Frau zu eröffnen. Jetzt kämpfe ich erst einmal dafür, einen Hotdog-Stand zu haben, statt Eis zu verkaufen. Ich weiss, dass wir es schaffen.» Und Rocio ergänzt: «Wenn man an etwas glaubt, optimistisch bleibt und seine Kinder liebt, dann findet man immer einen Weg, seine Träume zu verwirklichen.»

 

Lesen Sie das Interview mit Martha Duque, einer Kolumbianerin, die migrierende venezolanische Familien bei sich aufnimmt

Bildernachweis: ©Tdh/Sebastian Delgado

*Die Namen wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.